Die „Gläserne Manufaktur” – ein Besuch in der Dresdner VW-Schmiede

Technikgeschichte mit einem Ausblick in die nähere Neuzeit
 
Am 30.11.2006 fand im Rahmen des 2. Tages der Industrie und Wissenschaft 2006 in Dresden, organisiert vom "Industrieverein Sachsen 1828 e.V.", eine geführten Besichtigung der "Gläsernen Manufaktur" statt. Der Rundgang, wie auch einzelne Betrachtungen, waren sehr eindrucksvoll. Ein klein bisschen Verwunderung möchte ich allerdings ab und an hinzufügen.
Dem "Führenden" gab ich mich vorab als ein "Späher" in Sachen Technikgeschichte zu erkennen. Er schlussfolgerte sehr schnell, dass die Gläserne Manufaktur ja nun mittlerweile auch schon ein Stück Technikgeschichte darstelle.
Der Rundgang begann an einem markanten Ausstellungsstück, einer "Horch"- Luxuslimousine von 1936 (im Originallack). "Horch" steht für den Vater der VW-Automobilentwicklung in Deutschland. Seine gleichnamige Firma hatte seinen Sitz im sächsischen Zwickau (das war damals schon eine kluge Entscheidung).
Von seinen zwei Söhnen führte der eine die Marke "Horch" weiter, der andere wich auf die Marke "Audi" aus. Dieses Wort entspricht dem Imperativ "Horch" im Lateinischen (wusste ein Student aus der 64-köpfigen angereisten "Chemnitz-Gruppe" des Industrievereins).
Dann sahen wir einen Kurzfilm zur Einstimmung. Zum schönen Dresden mit seinen vielen Facetten, mit dem nebligen Elbblick auf Brühlsche Terrasse, Hofkirche und Semperoper passt das Gebäude des Vorzeige-Autowerkes wirklich ausgesprochen gut. Die Einstimmung war gelungen.
VW Modell Phaeton Wir sahen wohldurchdacht beleuchtete Montage-Bänder in zwei Etagen der Gäsernen Manufaktur. In einer Minute sollten diese mit Fahrzeugen, zu montierendem Zubehör und fleißigen Mitarbeitern 2 m bewegt werden. Es schien mir viel langsamer. Ein Monteur saß in einem Bentley und las wohl einen Elektro-Schaltplan wie einen ganz unbekannten (das ist aber der Eindruck eines Laien). Der Besteller eines Fahrzeuges kann dieses während der Montage den ganzen Tag über am Band begleiten. Der Kunde darf auch während der Montage - wie z.B. der Lenkung - mal selbst mit Hand anlegen, schrauben etc. (Für die Firmen-Qualitätssicherung kann das aber schon ein Problem bedeuten. Der Kunde lernt das ja nirgendwo).
Die Fertigung sahen wir aber ohne Störung laufen.
Modell Bentley Ein Fahrzeug, nach der Endmontage gestartet, fuhr etwa 30-40 m durch die Halle. Der Hallenfußboden hatte ganz verschiedene exotische Parkettfußböden. Jedem Fahrzeug folgte eine Mitarbeiterin mit dem Wischeimer und -lappen wegen der stets gewünschten Sauberkeit des Parketts. Bei etwa 8000 Phaeton und 8000 Bentley (gegenwärtig jährlich) kann man nur mutmaßen, wie lange dies das Spezial-Parkett wohl aushalten kann.
Zurück aber zum (gestarteten) Fahrzeug.
Wenn das Heureka-Erlebnis "gestartet" ausbleibt, weil der Motor, ein elektrisches oder elektronisches Bauteil dieses verhindert, muss das Fahrzeug in den gewiss dunkleren Keller zum Einzelrückbau desselben zwecks Fehlerortung und -behebung.
Wir konnten einen Phaeton besichtigen, auch "Hineinsetzübungen" waren möglich. Der Motor selbst strahlt eine gewisse Souveränität aus. Bei den 10- und 12-Zylinder-Bauklassen ist der Phaeton bis auf einen Biturbolader (der beim Bentley zusätzlich vorhanden ist) diesem technisch vollständig baugleich (oho!! Phaeton dieser Kategorie etwa 108 TEUR, der Bentley etwa 164 TEUR). Beim Schließen der Türen und Heckklappe erkennen wir höchsten Stand der Technik. Nur die Motorhaubenmechanik mit etwa 50 cm notwendiger Fallhöhe der Haube muss eher vom Golf stammen. Ein ordentliches Ersatzrad plus Wagenheber sind im Heck des Wagens verstaut. Hoffentlich hilft dann jemand "Fremdes" den meist betuchten (wie auch ergrauten) Fahrern bei diesem Problemfall, insbesondere noch in Anbetracht des Fahrzeuggewichts.
Im Heck gibt es einen Akku, ab der 10er-Baureihe sogar 2 Stück (da sich die viele Elektronik den ganzen Tag über auch mit sich selbst beschäftigen kann; der Fahrzeug-Rechner für Motorsteuerung etc. bleibt ständig in Betrieb).
Es existiert eine Fremdstartmöglichkeit (-einrichtung) im Motorraum des Phaeton (das ähnelt wohl auch eher dem Golf, oder ??).
Wenn man für etwa 100 TEUR quasi einen verkleideten Bentley erhält, bleibt genug Geld für einen (Teilzeit-) Chauffeur und die kleinen Dinge am Rande.
Ich muss sagen, leider sind das nicht meine Probleme.
Peter Wintermann
i.A. Technikgeschichte