PentaCON 2001
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Sehnsüchte nach guten alten neuen ZeitenFür manche Leute ist Science Fiction nicht nur eine Lektüre, sondern eine Weltanschauung. Sie treffen sich bundesweit bei Cons (Conventions) wie dem Penta-Con am 24. bis 26. August in Dresden. Wo? Natürlich im Pentacon-Medien- und Kulturzentrum. Der Ort ist ein bisschen symbolisch: Er erinnert an große technische Hoffnungen mit dem Pentacon-Kamera-Werk, die inzwischen Vergangenheit sind, und doch sprießt an gleicher Stelle etwas, das erneut versucht, sich mit zukunftsfähigen Medien auseinanderzusetzen. Der Boom ist lange vorbeiDer Penta-Con war gut besucht, wenn auch wohl vor allem von Leuten, die schon seit Jahrzehnten zu so etwas gehen (oder, falls Ossis, gegangen wären). Der SF-Boom der Siebziger ist dahin, die Erinnerung daran ist ein untergründiger Nebensinn des Con-Mottos »Die Vergangenheit in der Zukunft«. Wer wissenschaftliche Phantastik heute noch liebt, hat entweder großes Beharrungsvermögen, das die gesamte Vermarktungskette mit immer bombastischerem Kram von immer gleicher Machart füttert, oder er nimmt das Genre wirklich ernst. Denn nachdem die Hauptwege der SF sattsam abgetrampelt worden sind, gibt es viel wirklich Lohnendes zu entdecken auf individuellen Nebenpfaden. Das Bild der SF wird geprägt von Hollywood-Thrillern oder Computerspielen mit viel Spezialeffekten, die Fans sind meist männlich, oft mit spätpubertärem Hang. Das definiert aber keineswegs das ganze Genre. Unter den Autoren gibt es außer Le Guin und Zimmer Bradley inzwischen auch noch weitere Frauen und, mal ganz abgesehen davon, differenziertere Welten. Der Schirmherr des Penta-Con, Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg, und der seine guten Wünsche überbringende, leider abgewählte Kulturbeigeordnete Klaus Gaber betonten in ihren Grußworten die vorausahnende, auch warnende Funktion der spezifischen SF-Phantasie. Das meint nicht irgendwelche flotte Technik, sondern mehr die Freiheit des Denkens und Spekulierens überhaupt, wie sie im kommerziellen Nützlichkeitsdenken verlorenzugehen droht. Buchmarkt fast ohne AutorenEin Beispiel dafür ist das fast professionell gemachte Berliner Fanzine »Alien Contact«, das noch auf DDR-Zeiten zurückgeht, und nun eingestellt wird, weil die Arbeit nicht mehr ehrenamtlich zu schaffen ist. Noch gravierender der Heyne-Verlag München, der unter sein SF-Programm immer wieder echte Perlen mischt. Jetzt, da er von Springer aufgekauft wurde, sieht es aus, als solle es nicht einmal mehr die regelmäßigen Anthologien geben - nahezu die einzigen Heyne-SF-Bücher, in denen noch deutsche Autoren vorkamen -, sondern nur noch bewährte amerikanische Bestseller, am liebsten »Sagas« in möglichst endlos vielen Bänden. Es rechnet sich nicht, also was hilft'Fs! Der Buchmarkt nähert sich immer mehr einem Zustand an, der fast völlig ohne Autoren funktioniert - abgesehen von einigen lichtjahrefernen Stars, von denen keiner weiß, ob sie noch echt sind. Bald auch ohne Leser? Neue deutsche SF erscheint vor allem in Klein- und Kleinstverlagen. Geschichte ringelt sich und Märchen werden wahrSo wie die Bücher des Hallenser Autors Rolf Krohn, der mit seiner Geschichte »Sesa'am« anhand der Begegnung eines Orientalen aus der Zeit des Untergangs der Omayyaden-Dynastie mit einer Außerirdischen die Wahrheit arabischer Märchen bewies. Historische SF - das ist nur scheinbar ein Widerspruch, in Wahrheit ein auffallender Trend. Autoren behandeln Vergangenheit spielerisch wie Zukunft, bauen parallele Welten auf, lassen Geschichte in Zyklen kreisen - mit unterschiedlichem literarischem Anspruch. Ronald M. Hahn, einer der Autoren der Heftreihe »Maddrax«, beschrieb diese. »Maddrax« ist, noch so ein Trend, eine Mischung aus SF, Horror und Fantasy. Die Autoren versuchten, ab und zu witzige Anspielungen unterzubringen, aber, sagte er, die Heftchenleser liebten keine Ironie. Was in der Diskussion ein Fan prompt bewies, der den Mangel an Ernst und Moral der Reihe beklagte ... es klang wie Verlangen nach sozialistischem Realismus, wenn auch aus westdeutschem Mund. Lob und PreiseDer Science Fiction Club Deutschland, Vereinigung ernsthafter Amateure, der während des Penta-Cons seine Jahresversammlung abhielt, verlieh hier seine diesjährigen, immerhin mit je 500 Euro dotierten Preise, für den Roman »Zurück« an Fabian Vogt, für die Erzählung »Ein Plädoyer« (aus Wolfgang Jeschkes Anthologie »Das Jahr der Maus«) an Rainer Erler. Noch renommierter, wenn auch nicht mit Preisgeld versehen, ist der Kurd-Laßwitz-Preis, der von SF-Profis vergeben wird, in diesem Jahr an Michael Marrak für den Roman »Lord Gamma« (der bezeichnender Weise in so verschwindender Auflage erschienen ist, dass er vergriffen ist), für die Kurzgeschichte »Troubadore« aus Wolfgang Jeschkes Anthologie »Das Wägen von Luft« an Marcus Hammerschmidt, für ein ausländisches Werk an Mary Doria Russells Roman »Sperling«, an die Übersetzer Horst Pukallus und Michael K. Iwoleit, die »Förchtbar Maschien« von Iain Banks verdeutscht hatten, und an den Grafiker Fred-Jürgen Rogner für sein Titelbild zu Joe Haldemans »Der ewige Friede«. Wie man hier sieht, kann auf fast alle Preise der Heyne-Verlag stolz sein, besonders auf seinen Anthologien-Herausgeber Wolfgang Jeschke. Aber es ist das alte Lied: Kritikergunst und Publikumsgeschmack sind meist nicht deckungsgleich. Eine Kategorie für JeschkeDen Kurd-Laßwitz-Sonderpreis »für sein Lebenswerk« erhielt der Münchner Heyne-SF-Lektor Wolfgang Jeschke, der zum Jahresende in den Ruhestand geht. In zwanzig Jahrgängen des Preises hat ihn Jeschke nunmehr vierzehnmal in irgendeiner Kategorie erhalten. Ein Spötter meinte, man solle extra für ihn eine Kurd-Laßwitz-Preiskategorie einführen. Wolfgang Jesche wurde 1936 in der Tschechoslowakei geboren, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf. Er wurde Werkzeugbauer und machte 1959 das Abitur, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in München, damals erschien seine erste SF-Erzählung. Ab 1969 betreute er Kindlers Literaturlexikon und gab die Reihe »Science Fiction für Kenner« im Lichtenberg Verlag heraus. Seit 1973 wurde er beim Heyne Verlag München Herausgeber der SF-Reihen. Seit 1970 hat er an die 100 Anthologien herausgegeben und mehrere eigene Romane und Erzählungsbände veröffentlicht. Auch wenn er nun den Heyne-Verlag verlassen und sich zur Ruhe setzen will, fand er doch, für's Lebenswerk sei es noch zu früh. Wie zum Beweis las er aus dem entstehenden Roman »Ein Hühnchen für Cusanus«. Dieser spielt nicht nur in einer beängstigenden Zukunft, sondern auch in einer parallelen Vergangenheit. Keine Zukunft für die Science Fiction?Einen Vortrag über die Zukunft der SF hielt der Berliner Autor und Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller. Zwei Extremvarianten bot er: ein glückliches Cybertopia, in dem sich jeder vom Computer individualisierte Romane verfassen lassen kann - und eine Welt im Niedergang, in der wir alle in Höhlen sitzen und einander SF-Märchen von der guten alten technischen Zeit erzählen. Aber zugleich warnte Steinmüller davor, der Zukunftsforschung allzu sehr zu glauben. In Großbritannien hätte man mehrere Berufsgruppen Prognosen aufstellen lassen. Nach zehn Jahren stellten sich die der Londoner Müllmänner als die treffsichersten heraus, während die von ehemaligen Finanzministern am wenigsten taugten. Warum so viel Vergangenheit in der heutigen SF auftauche, diskutierte der Dresdner Autor und Herausgeber Erik Simon mit den anderen Autoren auf dem Podium. Sie beklagten ein immer amerikanischeres Verhältnis der Autoren und Leser zur Geschichte, aus der sie sich oberflächlich etwas herausklaubten. Hahn und Jeschke allerdings stellten dar, dass für sie das Recherchieren die eigentlichen Freude am Schreiben ausmachte. Die Sehnsucht nach Gut und BöseVielleicht gibt es da eine Sehnsucht nach einfachen Strukturen, überschaubarem Gut und Böse - natürlich eine Illusion. Die Autoren gaben zu, dass sie sich in Wirklichkeit die Vergangenheit genauso ausdächten wie die Zukunft. Wie soll es in Literatur auch anders sein? Die wirkliche Vergangenheit, wenn man sie richtig gründlich recherchierte, sei uns wohl doch zu fremd, meinte Steinmüller. Und auch nicht richtig schön: Krohn sagte, als er als Junge ein Indianer sein wollte, habe seine Mutter ihn gefragt: Und was, wenn du Zahnschmerzen kriegst? Die Diskutierenden meinten (wie Umberto Eco in seinem Essay), dass ein Rückfall in ein neues Mittelalter nicht ganz unwahrscheinlich sei. Zustände voller Armut und Barbarei seien in der Geschichte eigentlich eher das Normale gewesen. Und auch heute finden sie sich an vielen Enden der Welt. Immer wieder drohe Irrationales wie Fundamentalismus in die Gegenwart hinein zu rollen und die Zukunft zu bedrohen. Mythen und perfekte TechnikMichael Marrak las aus seinem Roman »Imagon«, der immerhin noch nicht vergriffen ist wie der preisgekrönte. Uralte Mythen von Vereinnahmung der Menschen durch Geistwesen vermischen sich mit der Kultur der Eskimos und der starren Erkenntniswelt moderner Wissenschaft. Ein Hauch aus der Welt von H. P. Lovecraft wehte herüber, auf den als Vorbild sich Marrak auch berief. Der Hoyerswerdaer Bergbauingenieur und heutige Leiter einer Druckerei und eines Satzstudios Klaus Brandt zeigte grafische Arbeiten, die er in seiner Freizeit mit dem Computer gestaltet. Romantische, technische und erotische Träume vereinen sich zu Welten von beeindruckender handwerklicher Faszination, mit der aber die küntstlerische Kraft nicht immer mithält. Nicht alle Veranstaltungen konnte die Rezensentin besuchen. Außerdem
gab es noch eine Lesung mit Alexander Kröger, eine nostalgieschwangere
Videobetrachtung des DDR-Films »Stunde des Skorpion« und einen Diavortrag
über die Fernsehserien »Perry Rhodan« und »Stargate«. Der Berliner
Hans-Peter Neumann stellte seine »Große Illustrierte Bibliografie
der DDR-Science-Fiction« vor. Ausflüge wurden gemacht, eher in die
Vergangenheit der Zukunft, ins Karl-May-Museum Radebeul und in den Urzeitpark
Sebnitz. Gundula Sell 9. September 2001 |
Weitere Beiträge zum Penta-Con 2001: Con-Bericht von Carsten Hohlfeld Bilder vom Con:
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