PentaCon 2003 – Landung auf einem neuen Planeten

30. Mai–1. Juni 2003

von Ute Hallmann


 

Der PentaCon 2003 des Dresdener SF-Klubs TERRAsse drehte sich um das Thema »Was wäre, wenn … – Die Alternativweltgeschichte in der Science Fiction«.

SF-Fans sind – zumindest in Dresden – turbulenzresistent. Da kann man sich auch schon mal als »Neue« kurzfristig entscheiden, daß man teilnimmt. »Das Universum dehnt sich doch aus, da wird schon Platz sein, komm mal …«

Solcherart versichert bin ich dann ausgerüstet mit Sternenkarte und Kommunikator losgezogen und durfte ein umfangreiches Drei-Tage-Programm miterleben. Sogar ein Schlafplatz fand sich noch. Das Verkehrsleit- und Unterbringungssystem des TERRAsse-Klubs funktioniert also auch für Spätentschlossene wie mich.

Und los gings –

  • Was wäre, wenn Wolfgang Jeschke nicht Förster geworden wäre? – Interessantes und Amüsantes aus dem Nähkästchen
  • Rolf Krohn: Lesung aus »Das dunkle Bild der Liebe« – Ein nicht alltäglicher Protag und eine solide, doch nicht überraschungslose Story
  • Marcus Hammerschmitt: Lesung aus »Polyplay« – Der erste Eindruck trügt – da steckt mehr dahinter als bloßer Wunschklamauk
  • Was wäre, wenn Shayol den Heyne-Verlag gekauft hätte? – Ein kleiner Verlag von Insidern mit Geschick – sollte da nichts zu machen sein?
  • Verleihung des Kurt-Laßwitz-Preises und Lesung der Preisträger – Sicher nicht DER Literaturpreis schlechthin – aber mit wichtigem Anliegen und sorgfältiger Hintergrundarbeit.
  • Karlheinz Steinmüller: Verlockungen der Alternativgeschichte – von der Utopie zur Uchronie – Ein furioser Vortrag vom Fachmann.

Aber macht es überhaupt Sinn, gewissermaßen als Vertreter from outer space an solchen Veranstaltungen teilzunehmen?

Eindeutig ja!

Als eher selten mit der Theorie der Science Fiction befaßtes Menschlein kann ich sagen, daß man zumindest bei TERRAsse mit den normalen terranischen Kommunikationsformen gut über die Runden kommt. Man muß kein Fachaldebaran beherrschen, um den Veranstaltungen folgen zu können. Man braucht auch nichts über Raketenantriebe, Gentechnik oder die neuesten Debatten der Szene zu wissen.

Der PentaCon lief trotz geballt versammelten Sachverstands in einer wohltuend lockeren Atmosphäre ab. Man versicherte mir, daß das immer so sei. Es besteht also kein Grund für Zwischenrufe a la »Hallo, können wir vielleicht auch mal über was reden, was ich auch versteh?«

Um die Hauptveranstaltungen herum gab es ein Programm mit kleinen, aber feinen Highlights.

Die Wanderung ins Böhmische bei dreißig Grad hab ich freilich nicht mitgemacht, würde sie aber als Vorabveranstaltung mitrechnen. Zeigt sie doch gewissermaßen Szenezusammenhalt.

Im Foyer war eine kleine zweigeteilte Ausstellung aufgebaut: Erik Simon hatte Bücher mit Alternativweltgeschichten zusammengetragen, Ralf P. Krämer hatte alte Filmplakate zum Alternativweltthema aufgehängt.

An zwei Abenden gab es Filme zu sehen – »Ich habe Einstein umgebracht« (CSSR 1970) und »Vaterland« (USA 1994).

Das sind eher selten gespielte, aber durchaus sehenswerte Stücke, auch wenn »Vaterland« (Was wäre, wenn Deutschland den 2. Weltkrieg gewonnen hätte?) um die Individualisierung eines gesellschaftlichen Problems und einen süßlichen Moralismus nicht ganz herumkam.

Für Lesestoff sorgten die anwesenden Verlage und Autoren mit ihren Büchern sowie der Antiquar, FörsterCon- und Brühnudelabendveranstalter Michael Stöhr. Natürlich war der TERRAsse-Klub selbst mit dem gleichnamigen lesenswerten Fanzine auslagig. Hach, schade, daß der Spesenetat bei »Asphaltspuren« gleich Null ist …

Das technische Equipment erfüllte sogar Sonderwünsche mäßig ausgestatteter Redakteure – abends die Audionotizen vom Diktiergerät auf CD zu brennen, war kein Problem. Das reinste Wünsch-dir-was.

Die gastronomische Betreuung war zeitsparend und gemütlich im selben Hause organisiert.

So fanden sich viele Gelegenheiten für lockere Gespräche in den Pausen und des Abends bei Kaffee oder Bier, beim Stöbern in den Büchern oder zur Vor- und Nachbereitung der Programmpunkte.

Für mich entstand der Eindruck einer entlang vieler Risse gespaltenen Szene (Ost/West; Literaten/Trekkies/Rollenspiel; Schablonen-/ernsthafte Literatur), ohne daß dies explizit thematisiert worden wäre. Die Science Fiction hat ein aktives Fandom, das sich trotz und wegen der Schwierigkeiten, denen sie sich aus unterschiedlichen Gründen gegenüber sah und sieht, zwar nicht umfassend, aber doch recht gut organisiert hat.

Es wurde für mich schon fast irritierend unpolitisch diskutiert, obwohl das Thema Alternativwelt fast immer gesellschaftliche Auffassungen in den Mittelpunkt stellt.

Ein Jammern über beklagenswerte Zustände für die Anliegen der Science Fiction, wie es oft entsteht, wenn viele Sachverständige versammelt sind, und bei dem Außenstehende meistens auch außenstehend bleiben, gab es glücklicherweise nicht und ist bei TERRAsse wohl auch nicht üblich.

Was die Alternativweltgeschichte nun tatsächlich so beliebt macht, konnte nicht abschließend geklärt werden. (Erwähnte ich bereits, daß ich es gut finde, daß es auch in der Literatur ein paar »letzte Geheimnisse« gibt?)

Der eine liebt Alternativweltgeschichten wegen des Spiels mit den Möglichkeiten; der andere, um Gesellschaftszustände ironisch widerzuspiegeln; ein dritter möchte die Leser durch die Erschütterung des Denkbaren schocken; einen vierten reizt die Gedankenkette, was sich alles ändern muß, wenn nur ein einziger Fakt der Geschichte verändert wird; der nächste möchte seine Figuren in einem nicht üblichem Umfeld agieren lassen und sehen, wie sie darin zurechtkommen; einen weiteren reizt es, das Phantastische an der wirklichen Geschichte durch Überhöhung herauszustellen – so viele Autoren, so viele Antworten, und die meisten haben sogar mehrere.

Da selbst die krausesten Denker der schreibenden Zunft keine endgültige Erklärung fanden, bin ich zuversichtlich, daß auch nach dem PentaCon nicht urplötzlich ein Schema F in den Richtlinien für Autoren auftaucht, oder – falls doch – sich die meisten nicht darum scheren werden.

Insgesamt also eine empfehlenswerte Veranstaltung, die glattweg zur Initialzündung für eine nähere Beschäftigung mit der Science Fiction werden kann. Es werden einem im Leben stets mehrere Türen zur Alternativwelt aufgehalten – ein Con ist dabei schon fast ein Scheunentor.

Ute Hallmann
www.asphaltspuren.de

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Weitere Beiträge zum Penta-Con 2003:

Bilder vom Con:

von Frank Beckmann
 

 

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