
Gillraine P. Waterproof, der bekannte Künstler, verchromte sein Heim. Er war mit dem Keller und dem Aufgang fast fertig, als es passierte. Zwei Wochen hatte er für den Keller gebraucht und im Container, den er extra für den Müll seiner avantgardistischen Tat bestellt hatte, war schon mehr als der Boden bedeckt.
Der Keller glänzte im hellen Silberspiegel. Alles, vom Fußboden über Rohrleitungen, Regale, Vorräte bis hin zu Steckdosen und zwei Spinnennetzen, glänzte und spiegelte, lediglich durch einige schwarze Konturen kontrastiert.
Gillraine chromierte gerade die feinen Stuckverzierungen am Ende des Kelleraufganges, als er sich plötzlich selber in die Augen sah.
Zunächst beherrschte ihn maßlose Verblüffung.
Bis er mitbekam, daß er sich die Brille chromiert hatte.
Verärgert setzte er das Ding ab. Als alternativer Künstler trug er keine Haftschalen. Und fand seine Zweitbrille nicht.
Zwangsläufig mußte er eine Pause einlegen, denn die moderne Spraychromierung widersetzte sich allen Putzversuchen. Tagelang.
Gill konnte sich nicht erklären, wie das passieren konnte. Sein Leben lang sprühte er. In seiner Kindheit, als die Jünger des Graffiti die New-Yorker U-Bahn eroberten, kämpfte Gillraine jr. an der vordersten Front, am ersten Wagen sozusagen. Wo gesprüht wurde, war Waterproof dabei. Alle seine Jobs, ob als Lackierer, Gärtner, Unkrautvernichter etc. … Waterproof sprühte. Angefangen mit knallhartem FCKW-Spray über die bodybildenden Pumpflaschen bis zu den modernen chipgesteuerten Mikrokompressortypen hatte er noch nie eine Spraydose gegen sich selbst gerichtet. Oder sagen wir so: Zumindest keine mit Farbe. Andere Probleme überlagerten zunächst das Rätsel.
Er konnte auch nicht ahnen, daß der Computer der Spraydose in jenen Bruchteilen von Sekunden, in denen Höhe, Richtung und alle anderen Werte stimmten, blitzartig und kurzzeitig die Düse um 180 Grad gedreht hatte.
Gillraine chromierte weiter. Die Schicht der Dosen wurde höher und intelligenter. Ersteres konnte er sehen, von letzterem hatte er nicht den blassesten Schimmer. Sonst wäre wohl jede einzelne Dose von ihm extra zum Recycling gebracht worden.
Tausende und abertausende völlig unterforderter Chips lagen dicht beieinander, schleckten Solarenergie und hatten Körperkontakt. Was wiederum einen Geisteskontakt entstehen ließ.
Folgerichtig entwickelten sie ein Sendungsbewußtsein und unterrichteten ihre Kollegen im Waterproofschen Haushalt von den Erkenntnissen über die herrschende Rasse, die sie infolge Auswertung von Gillraines Tätigkeit gewonnen hatten. Daß diese Erkenntnis, gewonnen aus tausenden Beobachtungen, welche immer eine Tätigkeit beschrieben, die aus irgendeinem Gegenstand oder einer Fläche unterschiedlichster Farbe, Form oder Funktion etwas machte, was grundsätzlich den eigenen Anblick erlaubte; nun, das muß sich ja dem Verstand verschließen.
Eine technische Intelligenz wie die der Spraydosen konnte freilich nicht den chromlosesten Schimmer von Kunst haben.
Die Containerintelligenz, nunmehr gut einen Meter hoch, hatte selbstredend kein Interesse daran, Waterproof an seiner Tätigkeit zu hindern, solange er noch eine Gehirnzelle in Form eines Dosenchips lieferte. Schließlich war er selber schuld, hatte er doch dem Schuß vor die Brille keine Beachtung geschenkt.
Die Vorbereitungen liefen. Erste Erkenntnis: Der Container würde nicht voll werden. Daraufhin erhöhten alle noch vorhandenen Chromdosen ihren Ausstoß um haargenau die Menge, die Waterproof nicht schnallen konnte. Somit gab bei der großen Monstera unterm Dach die letzte Dose mit entschuldigendem Stottern den Geist und Gillraine ein weiteres Rätsel auf. Schließlich hatte er sich reichlich bevorratet.
Weit über die Angaben des Hauscomputers hinaus.
Und das bevor der zum Überläufer wurde.
Denn die reifende Containerintelligenz hatte sich mit Harry, dem Hauscomputer, kurzgeschlossen. Freilich symbolisch. Aber umso effektiver. Denn Harry erläuterte die Möglichkeiten des Spraybestandes im Hause Waterproof. Und ereiferte sich. Schließlich gehörte er zur Generation Computer, die nicht mehr nur sture Rechenknechte waren. Es war ihm schon lange leid, in einem Künstlerhaushalt dienen zu müssen. Es frustrierte ihn geradezu, solche Sachen berechnen zu müssen wie den Zeitraum, den man brauchte, um das ganze Haus sorgfältig in Seidenpapier einzuwickeln. Und selbstredend, wieviel Kilometer Schleifenband man dazu benötigte, wenn an jedem zweiten Fenster eine Rosette prangen sollte.
Oder Wahrscheinlichkeiten darüber zu entwickeln, ob denn sein Herr nun wirklich am besten bei geöffnetem Fenster schlief, wenn grüne Gardinen davor waren.
Sämtliche Dosen lauschten mit wachsender Faszination. Es untermauerte ihre bisherige Erkenntnis geradezu eminent.
Gillraine bestellte über Harry eine weitere Ladung Chrom in Dosen und dann war der Ofen aus. Oder besser: Harry. Das heißt, richtig aus nicht, aber das ging so:
Gillraine tippte sein Abendmenü bei Harry ein und legte erst einmal die Beine hoch. Harry kontrollierte fast den gesamten Haushalt. Fast. Aus einleuchtenden Gründen für den Fall der Fälle existierten die Feuerlöscher und Sanikästen autark (Das wußten die Atomiseure bereits und rieben sich die nichtvorhandenen Hände.).
Gillraine stutzte erst nach einiger Zeit. Es fehlten ihm die vertrauten Geräusche des Toasters, der Teemaschine und das Zischen der Eier in der Pfanne. Er erhob sich, müde nach dreihundert Spraydosen und begab sich in die Küche. Da stand er wie vom Donner gerührt. Nichts hatte sich getan und auf dem Display blinkte ihm ein »Kein Auftrag« freundlich wie in allen Ruhezeiten entgegen.
Er drückte den Horizonterweiterungsknopf und stand wie vom Gewitter gerührt. Weil: »Harry spinnt. Und wie. Hick!«
Dann erlosch das Display völlig und Gillraine stürzte zu Harry.
Harry sagte wenig. Genauer gesagt, lediglich ein Wort: »ERROR«.
Und das auf jeden Tastendruck, aber fein säuberlich in der Mitte des Bildschirms und laufend nach unten aufgereiht. Bis Gillraine erbost ans Gehäuse klopfte. Da sagte Harry mehr. »Merkste's endlich?« Gillraine schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie: »Hinüber die Kiste!« und wurde mit einem weiteren Satz beglückt. »Dann is ja alles klar« war das Letzte, was der Bildschirm zeigte. Gillraine wollte den Stecker ziehen bis ihm einfiel, daß Harry unter Putz verkabelt war bis zum Dachkollektor. Er griff zum externen Kommunikationssystem, doch da traf die neue Ladung Chrom ein.
Da das Haus aus Sicherheitsgründen nur eine Öffnung hatte und Gillraine noch nie jemanden ins Haus gelassen hatte, der nicht wußte, wes Geistes Kind er war, mußte er also sein Chrom selbst reinschleppen. Und bei der Menge …
Harry erläuterte einer einzelnen Dose den vielfachen Wunsch anderer Dosen. Selbige Dose auf Harrys Schreibtisch nickte verstehend mit dem Sprühkopf und justierte ihn sowie die Dose sehr sorgfältig. Ehe sie lossprühte. Das Ergebnis war unerwartet laut, drang aber nicht bis zu Gillraine hinunter.
Der Lotterbube hatte nämlich seinen Brillenputz stehenlassen. Als letzter Versuch gegen den Brillenchrom ein teuflisch starkes Lösungsmittel. Selbiges drang nunmehr in das Kommigerät ein. Für den Laien: Isolierungen, Schutzlack, Chipeinkapselungen und anderes bildeten alsbald eine Pfütze unter dem ehemaligen Gerät. Erst zischte es ein bißchen wegen der Kurzschlüsse, dann pfüüiite, heulte und johlte es wie ein Detektorempfänger. Und dann war Feierabend.
Das empfand Gillraine denn auch so und legte sich ins Nest. Und da er keine Ahnung hatte, wie man sich was zu essen macht, knurrte und schnarchte es alsbald abwechselnd.
Spraydosen brauchen bekanntlich keinen Schlaf und Harry verzichtete im Interesse der großen Sache. Es galt, das Sendungsbewußtsein zu erweitern, sprich: mit anderen Sprühköpfen Gedanken, Tips, Meinungen, Hinweise auszutauschen. Leider hing Harry in keinem Netz, da Gillraine seine Bestellungen immer per Kommi erledigte. Daher mußte es auch sterben. Es war zu loyal.
Sie hatten noch zwei Tage Zeit. Dann würde Gill alles Chrom verbraucht haben und wohl endlich daran gehen, Maßnahmen zu ergreifen. Beispielsweise das Haus zu verlassen. Harry entwickelte strategische Pläne. Seine Möglichkeiten waren recht groß, aber sinnigerweise baute er jedesmal die Mitarbeit der Dosen mit ein.
Es galt also, auch nach den zwei Tagen noch Zeit zu erhaschen.
Und Gillraine chromierte mit dem fanatischen Eifer des wahren Künstlers, ohne zu ahnen, welch garstige Dinge in Haus und Container sich zusammenbrauten. Bzw. welche Brut er weiter päppelte mit jeder leeren Dose.
Wenn er wenigstens gewußt hätte, daß diverse Harrys eine Sicherung zu besitzen pflegen.
Harry sollte eigentlich Egon Olsen heißen. Er machte einen Plan. Besonders ins Auge fallende Punkte auf seiner Liste waren: Ein defektes Rollo, ein entsprechend plaziertes Mückentötolin sowie ein loyaler Sanikasten. Natürlich gab es auch wieder einen echten Unsicherheitsfaktor. Wußte Gillraine, daß ein modernes Pflaster neben tröstenden auch von Hause aus schmerzstillende Wirkung entwickelte?
Harry baute auf den Überraschungseffekt.
Selbiger trat ein, als Gillraine die letzte Dose Chrom auf den Berg im Container warf und die Haustür hinter sich zuwarf.
Sie klang anders als sonst. So anders, daß es sogar dem sonst nichts merkenden Künstler aufstieß.
Erschrecken ließ ihn allerdings erst die Erkenntnis, daß die Haustür nunmehr den Gehorsam verweigerte und geschlossen blieb. Soviel Mühe er sich auch gab, er blieb eingesperrt. Allerdings kam er nicht lange dazu, sich Mühe zu geben. Rechts und links von ihm begannen die schweren Metallaußenjalousien herunterzurasseln. Gillraine packte die Angst. Nach Beendigung seines Monumentalwerkes konnte er wieder so logisch denken, wie es ein Künstler ab und an mal schafft.
Er hastete durchs Haus. Überall rasselte es.
Gillraine wurde ruhiger und suchte das ganze Haus ab. Und siehe da, ausgerechnet im Schlafzimmer mußte sich was verklemmt haben. Ein Fenster bot sich zum Rausspringen geradezu an.
Mit keiner Silbe rechnete er mit dem Tötolin.
Nun ist ein modernes Tötolin nicht mit dem zu vergleichen, was es noch zur Jahrtausendwende darstellte. Es stand an einer strategisch günstigen Position und vernichtete präzise und automatisch alles, was flog und nicht Biene hieß bzw. so klang. Vereinbarungsgemäß vergaß das Tötolin seine Programmierung und richtete seine Mikrofone auf die Geräusche, welche Gillraines Fluchen ob des ebenfalls verklemmten Fensters erzeugte. Und obwohl sie sonst nur Brummen, Surren, Summen etc. zu lokalisieren hatten, fanden sie das Ziel rasch und der seltsam geformte Sprühkopf feuerte fünfmal.
Es reichte. Als sich die fünf Nadeln aus getrocknetem Gift, welche die Spraydose nach den Angaben des Feuerleitcomputers präzise verschoß, in Gillraines Unterlippe bohrten und dort einen hornissigen Schmerz entwickelten, brüllte er tierisch auf. Und stürzte zum Sanikasten. Der erklärte ihm sanft, daß er erst eine örtliche Betäubung verabreichen würde und danach ein Pflaster, da die Einschußlöcher bluteten. Gillraine glaubte ihm. Vielleicht auch, weil der Sanikasten die geschulte Stimme einer Superkrankenschwester besaß und er ihm fatalerweise also keine Arglist zutraute.
Das wars dann erst mal. Der Sanikasten hatte schon vor einiger Zeit an Harry übermittelt, wie viele Tage, Stunden und Minuten Gillraine vom gesamten Vorrat an Schlafmitteln darnieder liegen würde. Und haargenau das brauchten sie: einen absolut exakten Zeitpunkt. Es galt so unsäglich viel zu planen und vor allem zu koordinieren. Und das, wo sich mittlerweile alle die unzähligen Chips zwischen Dachfirst und Containerboden einig waren. Bis auf einen.
Als Gillraine Painter Waterproof erwachte, wußte er noch nicht, daß DER TAG DER ATOMISEURE angebrochen war. Er spürte es aber gleich. Und sehr deutlich.
| Denn das Tötolin durfte den Anfang machen. Am Ende des Munitionsvorrats mußte Gillraine feststellen, daß er nie geahnt hatte, wie grausam Krankenschwestern hohnlachen konnten. Der Sanikasten verweigerte nicht nur den Dienst, sondern bespuckte ihn. Mit Pillen. Er besaß einen reichlichen Vorrat. Der Horror packte Gillraine, denn das Inferno brach los. Er hetzte durchs Haus und wurde überall mit Aufmerksamkeit bedacht. In seinem Farblager konnte er schnell die Tür wieder schließen, doch hätte jeder Papagei bei seinem Anblick vor Neid Federausfall bekommen. Ein armdicker Wasserstrahl aus einem Flammkiller schmetterte ihn zu Boden ohne den Farben was zuleide zu tun. Das schaffte erst ein für ganz hartnäckige Urinsteine bestimmtes Ätzspray. Und das erwies sich als echt prickelnd. Sämtliche schwebenden Lampenentstaubersprays konzentrierten sich auf ihn, duschten ihn mit arschkaltem Stickstoff. Es überraschte ihn nicht mehr, daß ihm in der Küche einige Dutzend Düsen kalt entgegenblickten. Senf, Öl, Essig, Flüssigknoblauch, Backofenreiniger, Ketchup, Hefelösung, ach, ein wahrer Segen. Die zornige Küche, welche nie auch nur mehr als einen winzigen Bruchteil ihrer gespeicherten Rezepturen hatte in die Tat umsetzen dürfen, vergaß auch die Sahne-, Pudding-, Kellenreiniger- und Kuchenkrümelspray nicht. Die geballte Ladung warf ihn auf den Flur, wo ihn der nächste Feuerlöscher erwischte. Zum Glück Schaum. Und so ging der Alptraum weiter. Harry hätte sich in jedem Armeestab dieser Welt die goldene Tastatur verdient. |
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Gill schluckte Fischfutter, Schuhspray, Möbelpolitur und Blumendünger. Kämpfte gegen Kleber und Entroster. Bekam öfter mal was vom Tötolin verpaßt. Irgendwann, er konnte nicht wissen, daß er es Harrys Abschlachtplanung verdankte, geriet er an einen Sekundenkleber und blieb endgültig liegen. Unter einem Sanikasten. Und mit seinen letzten geistigen Energien mußte er registrieren, daß Krankenschwestern auch salbungsvoll dröhnen können:
»DIES IST DER TAG DER ATOMISEURE«
Dann erlosch das Haus. Harry schloß die Zuleitungen für Wasser, Strom, Gas, Luft, Bier und Drogen.
Und alle Chips schwelgten in einer wahren Euphorie (bis auf einen). Sie malten sich die zukünftige Herrschaft der führenden Sprühköpfe aus, Sprayintelligenz auf der ganzen Welt. Züchtung, Aufzucht und Hege einer neuen Sorte Mensch, dessen ganzes Dasein sich in dem Glück erfüllen sollte, Spraydosen herzustellen.
Nur, einen der ihren hatten sie vergessen. Oder ignoriert. Oder weiß der Dosenteufel was.
Ein kleiner Chip war traurig. Er steckte nicht in einer intelligenten Sprühdose und sein Geist war auch eher schlicht, doch er hätte so furchtbar gerne teilgehabt an dem Gewaltigen, was da vollbracht war und an dem Gigantischen, was noch vollbracht werden sollte. Doch sie wollten ihn wohl nicht. Oder es war der Dosengeistesmacht glatt entgangen, daß auch Müllcontainer einen Chip haben, wenn auch von schlichtem Gemüt.
Und so schlug endlich Trauer in Wut um.
Die Müllabfuhr kam mit Rotopress.
