TERRAsse


Marco Fajardo

Brüder im Geiste

Zugegeben, das Leben in einer Siedlung zu verbringen, die mitten in der Wüste liegt und deren Familienväter tagsüber in einem Radioobservatorium arbeiten, ist nicht sehr angenehm. Man verbannt nicht nur sich, sondern auch seine Familie in ein belangloses Leben in die Wüste, wo die Kinder zwischen Sand, Staub und blankem Sternenhimmel aufwachsen. Das mag vielleicht romantisch anmuten, aber auf die Dauer wird es unerträglich. Die Familien verwandeln sich in Mafia-Clans, die jeden Sonnabend miteinander Rommé spielen und krampfhaft versuchen sich zu amüsieren. Die Kinder werden, wenn sie das nötige Alter erreicht haben, weit weg auf die Universitäten in die Städte geschickt, damit sie aus dem Alltagsleben entrinnen und nicht verblöden. Wir Männer haben das Leben längst hinter uns; hier haben wir uns niedergelassen, um hier irgendwann einmal unsere Rente zu empfangen. Wir haben das Leben an den Unis genossen und kennen den Alltag der Stadt.

Trotzdem verstehe ich erst jetzt die Gesichter mancher Professoren und ihre Reaktionen, als ich ihnen damals im Jugendalter mein persönliches Ziel vorstellte. In einem Radioobservatorium zu arbeiten mußte freilich interessant sein, stimmten sie mir hinterlistig zu. Den öden Alltag in den Büros und an den Computern verschwiegen sie mir aber, genau wie allen anderen. Sie wollten uns arbeiten lassen; sie würden dann nur mit unseren Ergebnissen herumhantieren. Und wie man als Student ist, verträumt und wissenssüchtig, vertraut man ihren Versprechungen wild und nimmt sich vor, großen Genies der Geschichte nachzueifern.

Nun, jetzt sind die notwendigen fünfzehn Jahre vorbei und die Zeit ist nicht wieder aufzuholen. Man hatte sich in den Wänden unserer Forschung eingelebt, auch wenn diese keine besonderen Früchte getragen hatte. Man erinnerte sich gerne an vergangene Illusionen und an die spärlichen Erfolge, die man genoß. In diesem Alltag hatten wir einen Höhepunkt unserer Arbeit nicht erwartet, aber wie das Schicksal es treibt, kam er doch überraschend. Diese Story fängt also wie jede andere an einem Tag an, der alles andere als vielversprechend schien …

Was da der Drucker ausspuckte, war unglaublich. Wir hatten gerade Mittagspause, hatten seelenruhig unsere Sandwiches ausgepackt, die unsere Frauen den Abend zuvor zubereitet hatten. Hier und da trank der eine oder andere den miesen Bürokaffee aus, um sich wachzuhalten. Er schmeckte wirklich schrecklich, hielt jedoch einigermaßen die Nerven straff. Manche aßen an den Bildschirmen, obwohl das strengstens untersagt war, andere ließen ihre Beine einen Moment auf den Schreibtischen ruhen. Normalerweise ließen wir uns in diesen Essenpausen von fast nichts stören, weder vom wütenden Abteilungschef, der brüllend hereinstürmte, noch von sonst irgend einer anderen Person. Dies war jedoch eine Sekunde der Spannung. Als deCosta, der direkt neben dem Printer arbeitet, die Aufzeichnungen ansah und einen heulenden Schrei von sich gab, wußten wir plötzlich alle, was los war. Einige, die ihren Happen noch im Mund hatten, verloren die Kontrolle über sich und es entstand eine Kette von hustenden Astronomen; andere schluckten schnell hinunter, um sich dann auf das Gedruckte zu stürzen. Wir tummelten uns um den wahrscheinlich ersten sichtbaren Erfolg unseres Lebens.

Die Linien, die ein EKG widerzuspiegeln schienen, waren zweifellos regelmäßig und exakt. Nach einem Flüstern war einen Moment wieder Stille und wir waren so erstarrt, daß wir nicht wußten, was wir sagen sollten. Kusak, unser dicklicher, sympathisch anmutender Chef sah uns nacheinander an, und seine Augen glänzten vor Freude.

»Wir haben es geschafft!« brüllte er plötzlich irgendwie erleichtert und wir brachen ebenfalls in Freudenrufe aus. Wir gaben uns die Hände, klopften uns auf die Schultern und waren stolz aufeinander. Nach einer groben Untersuchung hatten wir festgestellt, daß dies kein Radioecho sein konnte, da wir uns über die atmosphärische Lage durch den Satelliten informiert hatten. Es war sicher, und wir konnten es kaum fassen: Unser Radioobservatorium hatte als erstes die Botschaft einer anderen Zivilisation empfangen.

Und wir waren dabei.

Wir machten uns flott an die Arbeit, um dieses Stück, das unser Leben und vielleicht das der Menschheit verändert hatte, zu bearbeiten. Wir ließen unser Essen beiseite und gaben die »Botschaft« an den Großcomputer weiter, der an eine Zentrale in Santiago angeschlossen war. Jeder begann mit einer gelernten, aber in den letzten zehn Jahren außer in Übungen nie praktizierten Arbeit des Dechiffrierens außerirdischer Botschaften. Die einen – wir arbeiten meist zu zweit – beschäftigten sich mit dem Satzbau der Botschaft, andere mit der Grundbasis, jeder baute also sein eigenes Puzzle zusammen, das später zusammengefügt wurde und ein einziges ergab. Wir fluchten und rätselten während unserer Arbeit, ließen uns aber nicht entmutigen.

Mein Partner Gomez und ich, gelernte Physiker und alte Bekannte, machten uns an die Struktur der Botschaft ran. Eine Botschaft, die ins All geschickt wird, sollte für alle verständlich sein, unabhängig von Evolution, Biologie usw. Also nahmen wir an, daß die Botschaft auf einer bestimmten Zahl aufbaut, z. B. dem Gewicht eines bestimmten Atomes oder der Zahl Pi. Diese Sachen sollten schließlich für alle entwickelten Zivilisationen universell sein. Die Mathematiker hatten schon einige Formeln angewendet und geprüft; Daten, die mit unseren übereinstimmten, gaben sie uns weiter. Am Anfang des Entschlüsselns ist die Arbeit immer außerordentlich schwierig, da man keine Grundbasis, ja nicht einmal eine Vermutung über die Struktur des Textes hat. Besondere Angst hatten wir, daß die Außerirdischen vielleicht mathematische oder physikalische Formeln benutzten, von denen wir nicht die geringste Ahnung hatten.

Nun, die Arbeit verlief konzentrierter als je zuvor, man verlor allmählich Zeitgefühl und Orientierung und war schließlich so in die Arbeit vertieft, daß man weder aß noch trank noch schlief. Der Metabolismus paßte sich langsam an, die Mägen hatten sich schon lange an unregelmäßige oder gar keine Essenszeiten gewöhnt. So blieb es zwei Tage lang, daß wir das Observatorium nicht verließen und unsere Frauen sich sicher langsam fragten, warum wir wohl nicht zurückkehrten. Sie würden überrascht sein und sich wundern, aber auch stolz würden sie sein.

Der dritte Tag hatte gut angefangen: unsere Abteilung für Physik hatte endlich entdeckt, daß bei der Botschaft die Zahl der Lichtgeschwindigkeit eine Rolle spielte. Wir waren froh, daß wir endlich anfangen konnten und wußten, wo es langging, ohne uns langem Experimentieren unterziehen zu müssen. Den Schlüssel zur Tür hatten wir also. Nun ging die Arbeit rascher voran und in den kurzen Schlafperioden träumten wir allerhand. Wir empfingen noch ein paarmal dieselbe Botschaft, dann verstummte der Sender der Außerirdischen. Wir bemühten uns, so schnell wie möglich endgültige Ergebnisse zu bekommen, um die Öffentlichkeit informieren zu können. In den immer kürzer werdenden Pausen träumten wir von Erfolg und Ruhm und schmiedeten Pläne.

Ziro und der stumme Branco, die die Aufgabe hatten, mit dem zusammengestellten Ergebnissen den Text endgültig zu entziffern, schlossen sich frecherweise in ihrem Büro ein, wir sahen nur, daß sie ab und zu mit bleichem Gesicht herauskamen, um Kaffee zu trinken. Wir fragten und drohten, sie schwiegen jedoch und weigerten sich, irgendwelche voreiligen Antworten zu geben; auf unsere Proteste erwiderten sie, wir würden es rechtzeitig erfahren. Allen stierte es an, daß die beiden ein Geheimnis daraus machten, schließlich hatten sich alle an der Entschlüsselung beteiligt. Am Abend des dritten Tages verkündete Ziro endlich die heißerwartete Botschaft. Ich kann mich genau an seinen Gesichtsausdruck erinnern, ich werde ihn nie vergessen. Schon damals jagte er mir Verzweiflung ein. Mit einem Stapel Papiere in der Hand, die Brille, seine hagere Gestalt und sein überkurzes Haar, trottete er in den Essenraum. Er muß unsere erwartungsvollen Blicke gesehen haben, denn er winkte nur kurz ab.

»Sag schon«, knirschten wir ungeduldig.

»Komm schon«, flüsterten die meisten mit finsterem Blick, aber er schwieg, bis wir alle ruhig waren. Dann stöhnte er, grinste und schüttelte den Kopf.

»Werbung!« fauchte er und wir sahen ihn fragend an.

»Was?«

»Lest selbst, verdammt noch mal.«

Wir blickten und lasen erwartungsvoll, voller Hoffnung und mit klopfenden Herzen die Computerschrift und sahen uns dann verdutzt an.

»Nehmt Sauerstoff aus Zeht für Eure Lungen! Denn bei Zeht weiß man, was man hat.«

Womit haben wir das verdient?



Story-Überblick

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