TERRAsse


Gundula Sell

Der branstige Ball in Moskau

[Der schwarze Magier]Der Teufel namens Voland kommt ins Moskau der späten 30er, um nachzusehen, ob die Menschen noch mickrig und menschlich sind, und um der Kapitalverbrecherschaft aller Zeiten und Reiche einen Ball zu geben. Daß Voland, der nachher (1943 sagt der Autor) die Stadt anzündet, sich als deutschen Ingenieur bezeichnet, ist freilich nur eine Mystifikation zur Freude der Totalitarismustheoretiker.

Die Wahrheit für Bulgakow ist naheliegender: Die furchterregende, übermenschliche Instanz, die sich das letzte Urteil vorbehält, die die Macht hat, zu töten und zu lösen, jenseits jeden Apparates, die letzte Hoffnung in der Verzweiflung ist – Stalin. Das ist freilich ein Irrtum Bulgakows, der bemerkte, daß unter den Opfern der Schauprozesse auch seine Feinde waren. Doch das war Zufall; Zufall ebenso, daß er nicht selbst betroffen wurde.

Das tut seinem modernen Faust-Mythos keinen Abbruch, verleiht ihm aber eine zusätzliche bittere Dimension, die grundlosen Schreckens hinter allen Lösungen. Die anonymer und banaler Machtausübung hinter Bulgakows sorgsam geschilderten Insignien, Gefolgsleuten, Zaubereien.

Bulgakow beschreibt in immer neuen Anläufen Moskau, Das Dritte Rom, seine irrationale Gegenwart, wo Menschen verschwinden, die Welt aus den Fugen gerät, Tragödie in Groteske übergeht und umgekehrt. Er ist einer jener Sowjetautoren, die das Ancien Regime unterm Zaren abgelehnt hatten, aber ehrlichkeitshalber auch das neue kritisierten. Damit machte er sich Ärger, viele seiner Stücke wurden nicht gespielt, auf Befehl von »ganz oben«. Sein berühmter Roman »Der Meister und Margarita« ist seine ihn selbst (und Generationen »sozialistischer« Intellektueller) befreiende Abrechnung gewesen.

In diesem Band der Werkausgabe werden Entwürfe dazu aus den Jahren 1928 bis 1934 zusammengestellt, die außer werkgeschichtlichem ganz eigenen literarischen Reiz haben.

Die Entwürfe haben wie der Roman drei Ebenen. Die erste, in den Entwürfen geradezu verschwenderisch inszeniert, ist die aufwuchernde Zeit der ersten Fünfjahrpläne. Sein Überschwappen von Gestern und Heute, von Ost und West, von Altem Adam mit Korruption, Kleinlichkeit, Verzagtheit und Neuen Menschen wie dem Redakteur Berlioz, dem sein flotter Fortschrittsglaube zum Verhängnis wird, als er Voland damit anwidert. Bulgakows Spott über all die Literatenklüngel, Devisenläden und Bürokratenstümperei ist genießerisch. Die Schaden stiftenden (weil Schaden aufdeckenden), heute würde man sagen »politisch unkorrekten«, Figuren aus Volands Gefolge haben alle Sympathie für sich.

Die zweite Ebene ist das Schicksal des »Meisters«, eines nicht der Ideologie ergebenen Schriftstellers, und seiner Geliebten, die ihn rettet, indem sie ihn beim Teufel freibittet. Hier wird es ernst, und in den Entwürfen mehr als im fertigen Roman. Die Teufelsleute holen ihn nicht aus der als Refugium geschilderten Irrenanstalt, sondern sie schießen ihn aus dem GPU-Gefängnis frei. Bulgakow weiß, wovon er redet in dieser irren, ehrlichen Szene der Rückkehr des »Meisters« (nur realistisch war sie nicht, wer kehrte schon zurück nach '34?) Warum hat er das und sonst manches letztlich gemildert? Selbstzensur? Illusionen? Oder wollte er sich nicht anhand des »Meisters«, eines Selbstporträts, sein Schicksal vorhersagen? Bulgakow allerdings starb 1940 eines natürlichen Todes, bis zum Schluß an dem Roman arbeitend.

Ganz wie der »Meister« an seinem – Bulgakows dritter Ebene: Verlauf und Folgen der Begegnung von Pilatus mit Jeschua und der Feigheit, Schuld, Verzweiflung des Prokurators. In dieser klaren Schroffheit findet man das biblische Thema kaum anderswo angewandt. Und das von Bulgakow, einem gläubigen Christen.

Der philosophische Hintergrund ist in allen Ebenen bereits von Anfang angelegt, der Autor arbeitet ihn nur von Entwurf zu Entwurf mehr hervor. Und nie läßt es der Theaterprofi Bulgakow an Spannung und Dramaturgie fehlen.

Die Abwandlung von Szenen und Szenenfolgen, von Figuren, von Namen selbst innerhalb von Szenen im Lauf der Arbeit schafft der Welt des »Meisters« zusätzliche Raumtiefe. Nichts steht sicher, alles ändert sich … bis zur Kenntlichkeit. In wechselnder Nähe und Ferne wächst sich die Wucht der Vorgänge aus zur materiellen Gewalt, und das Beschriebene wird wahr wie ein Gerücht. Ein Flüstern der vielen, des Volks.

Und wir, und heute? Weit davon?

In Moskau nimmt der Brandgeruch nicht ab, und das kühle Lächeln des Westens darüber könnte schnell Selbsttäuschung gewesen sein.

Michail Afanasjewitsch Bulgakow
Der schwarze Magier. Urfassungen von »Der Meister und Margarita«
Volk und Welt Berlin 1994, 232 Seiten



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