TERRAsse


Holger Kunadt

Der Boß

Peter war der Boß. Zwar betrug sein Anteil am Geschäft nur lächerliche tausend Credits mehr als meiner, aber ich glaube, selbst wenn das Verhältnis fünfzig zu fünfzig gelautet hätte, er wäre der Boß gewesen. Er war nun mal der Typ dazu.

»Du mußt den Eimer bei der nächsten Umkreisung runterbringen«, sagte er nur. Wir flogen Serum für Ross zwölf, wo eine schlimme Grippeepidemie wütete, und er hatte gerade den ersten Funkkontakt gehabt.

»Unmöglich«, erwiderte ich. »Wir knallen da rein wie ein Formel-I-Geschoß in die Strohballen und versengen uns die Ohren.«

»Mach es möglich«, sagte er. »Der Chef vom Raumhafen hat es angeordnet.«

»Ich will noch ein bißchen leben«, sagte ich, »und das kann ich nur, wenn wir erst mal auf eine vernünftige Geschwindigkeit runtergehen, ehe wir in die Atmosphäre eintauchen.«

»Red kein Blech, der menschliche Körper hält mehr aus, als du dir vorstellen kannst. Gib den Bremsen vollen Zunder und bring uns herunter. Der Kerl hatte so was Komisches in der Stimme, wenn wir nicht auf ihn hören, kriegen wir vielleicht nie eine Landeerlaubnis und verbringen unseren Ruhestand hier im Orbit zusammen mit zwei Tonnen Serum. Und das, wo die Luft in dieser Kiste so steril ist wie eine Party vor dem ersten Drink.«

Peter hatte wohl seine Erfahrungen. Mit Raumhafenchefs und Parties. Ich hatte meine mit Raumschiffen, und bei dem, was uns jetzt bevorstand, hatte ich ein mieses Gefühl, so als wenn ich aus dem zehnten Stockwerk springen müßte, nur um unten an der Imbißbude noch die letzte Portion Pommes frites zu bekommen.

Aber irgendwie – nun ja, Peter war der Boß.

Ich versuchte zu tun, was er von mir verlangte, so gut, wie es mir nun eben mal möglich war. Die Schweißnähte unseres Frachters stöhnten wie ein Profiboxer in der zwölften Runde nach dem dritten Niederschlag. Ich spürte, wie meine Eingeweide über den Gürtel nach vorn und in Richtung auf meine Kniekehlen hin gezogen wurden. Zwei Kaffeetüten, die wir leichtsinnigerweise hatten stehen lassen, flogen an uns vorbei. Eine von ihnen enthielt noch einen Rest, der durch das Trinkrohr herausgepreßt wurde und eine Dunkelwolke aus schwarzbraunen Punkten auf dem Hauptbildschirm bildete.

Die Nase der Maschine ging nach unten, Peters Mageninhalt in die Gegenrichtung, wie ich an seinem krampfhaften Schlucken bemerkte.

»Wir schaffen's nicht«, stöhnte ich. »Hundert Credits, daß wir verglühen.«

Er versuchte, seine Organe unter Kontrolle zu behalten, während er herauspreßte: »Unsinn. Wir müssen runter! Jetzt! Sofort … halt! Was machen die Hitzeschilde?«

Es fehlte nicht mehr viel und sie würden wohl tropfenweise hinter uns zurückbleiben, und das sagte ich Peter.

»Du mußt die Sicherung ziehen! Auf keinen Fall dürfen die Schilde beschädigt werden!«

Trotz der langsam steigenden Temperaturen im Steuerraum wurde mir kalt. Die Sicherungen, die er meinte, waren eigentlich dafür da, die Beschleunigung oder Gegenbeschleunigung in einem Maße zu halten, das menschliche Wesen davor bewahrte, die äußere Form von Omeletts anzunehmen. Sie außer Kraft setzen sollte man eigentlich nur, wenn man schon ein bißchen mehr als tot war. Deshalb sagte ich: »Bist du verrückt? Ohne die Schilde kommen wir vielleicht runter, ohne Bewußtsein aber nie!«

»Zieh die Sicherung, hab ich gesagt!« Die Aufregung hatte seine Magenprobleme beseitigt und er sah mich drohend an. Ich kannte diesen Blick. Zur Not hätte er mich mit der Faust niedergeschlagen und uns allein heruntergebracht. Also machte ich es lieber selbst.

Meine Eingeweide erreichten die Zehenspitzen. Metallplatten lösten sich von der Wand und flogen uns um die Ohren. Im Laderaum hörte ich es scheppern und klirren. Die Landung wuchs sich aus zum Notfall. Ich hatte Mühe, dem Frachter überhaupt noch zu übermitteln, welche Richtung ich von ihm wollte. Irgend etwas sickerte durch eine undichte Stelle am Rande der Luke zum Laderaum und kroch auf das Kontrollpult zu, dann bahnte es sich in schleimigen Fäden einen Weg nach oben. Die Gravitation geht in solchen Situationen recht merkwürdige Wege. Das Zeug stank wie ein Keller voll verschimmelter Kartoffeln.

Dann hatte ich endlich die Wolkendecke hinter mir und die Geschwindigkeit auf ein erträgliches Maß gedrosselt. Auf dem Bildschirm tauchte eine Landebahn auf. Ich konnte es kaum fassen. Ich wollte Peter um den Hals fallen vor lauter Freude, daß wir noch lebten. Er aber knurrte nur: »Was ist mit den Hitzeschilden?«

»Zum Teufel, was soll mit ihnen sein. Sei froh, daß wir heil hier angekommen sind. Aber unsere Ladung ist übern Jordan!«

»Die Hitzeschilde!« bohrte er.

»Brauchen wir jetzt erst mal nicht mehr. Aber sie sind in Ordnung. Was soll das überhaupt? Unsere Ladung …«

»Ach, pfeif auf die Ladung! Aber ich will nicht noch einmal so etwas erleben wie damals auf Taurus vier, wo uns die Hitzeschilde mit der ganzen Werbung weggeschmolzen sind und wir ein paar zehntausend Credits zurückzahlen mußten. Oder glaubst du etwa, daß wir von den paar Piepen für die Fracht leben könnten?«

Peter war der Boß. Ich wußte jetzt auch, warum. Er hatte einfach mehr Sinn fürs Geschäftliche.



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