Carsten Hohlfeld
THE SECOND GENERATION FIREKILLER WITH INTELLIGENCE
Deutsch: Feuerlöscher
PART I:
Walter P. Brennding hatte eine tragbare Syntheseanlage für flüssige Treibstoffe entwickelt. Tolles Patent. Nicht größer als ein gutgehender Koffer, Rohstoffe Wasser und Luft. Genügsam per Steckdose oder Solarpaddel. Stundenleistung: Liter!
Beim Sammeln der ersten Liter passierte ihm ein Mißgeschick und im Nu stand alles in Flammen.
Walter rief das Codewort für den Feuerlöscher. Der Digiflammkiller II reagierte sofort und sprang von seiner Wandbasis behende in die optimale Kampfstellung. Sein allseits wacher Geist hatte per Video und Sensoren längst die Erstdaten erfaßt und ein präzises Kampfprogramm entwickelt.
Allein, es tat sich nichts. Als Walter leicht nervös den Knopf der manuellen Auslösung betätigte; schrie der Feuerlöscher auf. »Das kannst Du nicht tun, Walter! Du weißt genau, ich bin mit CO2 gefüllt. Wenn ich diesen Brand löschen soll, muß ich mich fast völlig entleeren. Und ein Großteil des Kohlendioxidschnees wird sich in Gas verwandeln. Ich kann Dir jetzt die Größe des Zimmers berechnen und Dir sagen, welche Konzentration erreicht wird, aber Du glaubst mir sowieso nicht. Dann wird sich auch die Temperatur senken durch das entspannte Gas. Du wirst ersticken, Walter, und vielleicht noch furchtbar frieren dabei. Die zu erwartende …«
Der Feuerlöscher redete und redete. Immerhin besaßen seine Gigabyte-Speicher Kenntnisse von den ersten Griechischfeuer-Abwehrern bis zur Autobiographie des legendären Red Adair.
Walter bekam durchaus noch Luft und ihm wurde warm, ja regelrecht heiß. Und als der Feuerlöscher der Meinung war, ihn überzeugt zu haben, zu heiß.
Nun, die intelligenten Feuerlöscher der zweiten Generation schienen doch irgendwie noch nicht perfekt zu sein.
Walter erstickte also nicht. Er verschmurgelte.
PART II:
Herbert P. Brennding, ein äußerlich identischer Bruder vom gegrillten Walter, beschäftigte sich mit Lösungsmitteln. Und es war ihm endlich gelungen, ein geradezu genial lösendes Mittel zu erzeugen. Natürlich werden Supereigenschaften immer mit Nebenwirkungen erkauft, das ist nicht nur bei Arzneimitteln oder Schwarzenegger so. Jedenfalls war das Zeug nicht nur hochgiftig, umweltbelastend bis zum GET NO, schwer handhabbar, ein Ozonkiller allererster Güte und maßlos teuer, sondern, wie Herbert regelrecht blitzartig beim gedankenvollen Rauchen klar wurde, auch enorm entzündlich. Da der Flammpunkt wohl unter Null lag, waberte sein Balkonlaboratorium lichterloh.
Stolzer Besitzer eines Digiflammkiller VIII, pfiff er selbigen an den Ort des Geschehens. Allerdings hatte der, ebenso wie sein Kollege bei Walter, etwas anzumeckern.
»Herbert, besinne dich. Ich bin mit einer Wassermischung gefüllt und da kannst du nicht …«
Nun, Herbert glich nur rein äußerlich seinem Bruder. Er verfügte über ein ausgesprochen hitziges Temperament (nicht umsonst hießen sie Brenn-Ding) und stoppte seinen Feuerlöscher mit einer verheerenden Tat: Er drückte den manuellen Knopf dreimal schnell hintereinander und somit wurde aus dem geistig hochstehenden Löscher ein Knecht.
Denn damit kappte Herbert das Logikzentrum. Es funktionierten nur noch Sensoren und die Feuerleitzentrale allein auf sich gestellt. Der schwere Feuerlöscher eröffnete den aussichtslosen Kampf mit eiskalter Präzision und bekämpfte die wichtigsten angemessenen Punktziele mit kurzen Wasserstößen. Trotz seiner zweihundert Liter Inhalt hatte er keine Chance. Das Herbertsche Lösungsmittel schwamm auf dem Wasser und war hocherfreut, so schnell im ganzen Labor und um Herbert herum verteilt zu werden. Herbert holte sich nasse Füße. Leider waren diese denn auch das Einzige, was von ihm übrigblieb. Und sein Bewußtsein entschwand mit der ungelösten Frage, was passiert wäre, wenn er seinen Feuerlöscher hätte ausreden lassen.
Wir wissen's. So sind wenigstens die Füße geblieben.
PART III:
Olaf Pyromanowitsch Brennding, mit knapp vier Jahren jüngster Sproß des Brennding-Clans, nutzte die Abwesenheit sämtlicher Quälgeister, sprich: Familienangehöriger, und widmete sich ausgiebig und intensiv Papas Laser-Entäster. Er hatte den Hauscomputer mit einer Idiotenschaltung lahmgelegt und da dieser sich jetzt in der Wiedergabe des australischen Buschrufes im Ultraschallbereich übte, ging er Klein-Olaf nicht auf den Keks. Freilich drang damit nicht einmal ein Signal der allerhöchsten Priorität in die Hauselektronik. Und folgerichtig entging damit Olaf junior eine wichtige Nachricht.
Die er vielleicht ohnehin nicht mitbekommen hätte, denn der Laserentäster erwies sich als enorm effektives Spielzeug und Klein-Olaf gelang es, einen geradezu denkwürdigen Buschbrand auf dem Dachgarten des Hausbootes zu entfachen. Leider entglitt dieser seiner Kontrolle und er mußte was unternehmen. Das Hausboot verfügte über einen Digiflammkiller XII, einen Halbtonner Pulver. Olaf P. Brennding hatte jedoch an jenem ja doch nie benutzten Gerät seine Künste versucht und mußte es nun auf einem Gleitfeld im Schweiße seines Angesichts ans Ufer zerren …
Von wo aus er das Hausboot systematisch unter schneeweißes Pulver setzte.
Vater P. Brennding wurde an diesem Tage mal ausnahmsweise nicht vom firmeneigenen Lastensegler abgeworfen, sondern kam per Röhre. Und er war schwer in Gedanken, als er den Deckel der Uferluke hochwarf und ins Wasser hechtete. Auch als er zum Hausboot schwamm, verließen ihn die düsteren Gedanken an Walter und Herbert nicht. Er hatte im ersten Zorn verlangt, daß man weltweit alle Feuerlöscher überprüfen sollte. Was freilich auf den erbitterten Widerstand der Industrie stieß, welche auf das Recht des Datenschutzes seitens der Feuerlöscher verwies und pochte. Immerhin hatte Vater Brennding durchsetzen können, daß man per Paßwort vorläufig alle intelligenten Löscher der zweiten Generation deaktivierte. Die Warnung wurde per Dringlichkeit FIRST in aller Welt verteilt. Das war Olaf entgangen.
Er brauchte halt seine Ruhe.
Und wenn er seine computerisierten Bauklötze umprogrammierte, so daß sie sich nicht mehr nur zu Türmen und Burgen und Schlössern selbst zusammensetzten (die er dann nur noch einzureißen brauchte, was ja bekanntlich am meisten Spaß macht, mit der Zeit aber auch langweilig wird), sondern auch mal Alcatraz, Verdun oder die Maginot-Linie darstellten, konnte er keinen elektronischen Schnüffler und Petzer brauchen.
Olaf hatte mit Unruhe den ereignislosen Vorbeiflug des Lastenseglers registriert. Noch mehr beunruhigte ihn die düstere Nachdenklichkeit des Vaters.
Das änderte sich schlagartig, als selbiger sich zwecks Meditation auf den Dachgarten begeben wollte und sich in einem verschneiten Hiroshima wiederfand. Die halbe Tonne weißes Pulver bedeckte gnädig die Asche und was sonst noch übrig war. Wenn noch was grün glänzte, so erinnerte das verdächtig an Emaille, kaum an Blätter.
Olaf ertrug standhaft das Donnerwetter. Der prima Buschbrand würde ihm wohl zwei Wochen manuelles Halma einbringen. Kein anderes Spielzeug sonst. Grauenvoll.
Doch das war erst der Anfang. Und so zuckte er auch zusammen, als Vater Brennding erstarrte.
»Du hast den Digiflammkiller XII genommen? Aber das ging doch gar nicht, die sind doch alle gesperrt worden heute früh. Wie hast du das angestellt? Wo ist der leere Löscher?«
Olaf kannte seinen ordnungsliebenden Vater und so erregte die sofortige Entsorgung keinen Verdacht.
Klein Olaf wurde es ganz komisch, als ihn Vater Brennding plötzlich heulend umarmte. »Wenigstens du hast es überlebt!«
Immerhin blieben ihm dadurch die zwei Wochen Halma erspart.
Daß Olaf junior schon vor Monaten sämtliche Elektronik des Feuerlöschers in seine Bauklötzer verbastelt hatte, würde er allerdings nie jemandem verraten. Sehr clever für sein Alter, denn auch die phantasiebegabtesten Fachleute würden nie glauben, daß man auch nur das winzigste Feuerzeug mit einem Löscher umbringen könnte, der völlig blind, taub und stumm ist.

