TERRAsse


Holger Kunadt

Ein Thomasson* von beträchtlicher Potenz

Virtuelles LichtWilliam Gibsons Roman »Virtuelles Licht« ist die Geschichte von Chevette, dem Fahrradkuriermädchen, das in einer Trotzreaktion einem Kerl, der sie belästigt, die Sonnenbrille klaut (wie sich bald herausstellt, ist es – für den erfahrenen Leser nicht ganz überraschend - keine gewöhnliche Brille).

Und es ist die Geschichte von Rydell, einem Ex-Cop, der, zuvor zum zweitenmal innerhalb kurzer Zeit gefeuert, den Auftrag erhält, bei der Wiederbeschaffung dieses Teils zu helfen.

Und es ist, wie fast immer bei Gibson, die Geschichte einer Verschwörung, selbstverständlich eines multinationalen Konzerns.

Es sind also alle Zutaten vorhanden, daraus einen Roman in bester Cyberpunk-Tradition zu machen. Aber irgendwie hatte ich nach der Lektüre des Romans ein leichtes Gefühl der Unzufriedenheit. Was war geschehen, was fehlte mir hier?

Wenn Gibson in früheren Romanen (am besten wohl in »Mona Lisa Overdrive«) die verschiedensten Handlungsstränge in atemberaubendem Tempo einem furiosen Showdown zuführt, ist in diesem Roman irgendwie schon bald die Luft raus.

Zwar startet er auch hier mit vier Handlungssträngen, doch der erste, der Kurier (nicht das Mädchen, sondern jener Kerl, dem die Brille geklaut wird), erhält nur zwei Szenenauftritte, um danach durch einen gewaltsamen Tod abzutreten; der zweite, ein japanischer Student, bleibt nur Episode und die beiden übrigen, Rydell und Chevette, werden bereits zur Mitte des Buches hin zusammengeführt, um dann gemeinsam dem Finale entgegenzusteuern.

Auch die Brücke, die dem Leser anfangs so eindringlich geschildert wird – es handelt sich um die Oakland Bridge, die, nach einem Erdbeben stillgelegt, später dann von allerlei obskuren Subjekten besiedelt wurde, der Klientel, aus der sich üblicherweise die Helden von Gibsons Romanen rekrutieren (im Buch wird diese Brücke in einer Analogie beschrieben: Ein Fahrrad, das lange Zeit im Wasser gelegen hat und nun vollständig mit Muscheln bewachsen ist) – bleibt, obwohl man nach dem Beginn des Romans von ihr eine geradezu tragende Rolle erwartet, letztendlich nur schmückendes Beiwerk, ist austauschbar mit hundert anderen Plätzen.

Und auch der Heilige James Delmore Shapely, derjenige, dem die Menschheit den Impfstoff gegen AIDS verdankt und der immer wieder in Reflexionen auftaucht, so daß man im Stillen erwartet, daß da noch irgend etwas kommen muß, was mit dem Ausgang des Romans zu tun hat, erweist sich als Episode.

Selbst das Virtuelle Licht, das dem Roman den Namen gab (das ist das, was die bewußte Brille tatsächlich darstellt), ist irgendwie austauschbar und für das Funktionieren der Geschichte nicht zwingend notwendig - ein Notizbuch hätte es genauso getan.

Es ist, als habe Gibson hier eine Melange von Erzählungen geschaffen, und weil deren keine einzige die Substanz zur Eigenständigkeit besitzt, gruppiert er sie um einen Thriller, der ohne diese exotischen Zutaten getrost auch als Non-SF durchgehen könnte. Das Buch ähnelt in gewisser Weise selbst dem Bild von der Brücke, das Gibson zu Anfang bemüht: Die Muscheln auf dem Fahrrad scheinen planlos gewachsen und doch nicht ohne Faszination.

Was bleibt, ist die Grundstimmung des Werkes, die der früherer Romane Gibsons gleicht. Seine Welt ist wie ein großer dunkler Organismus, ein Wal vielleicht, der auf den Strand gespült wurde: er bewegt sich noch, kommt aber weder vorwärts noch zurück. Bevor die Agonie kommt, rast der Herzschlag und Adrenalin wird in den Kreislauf ausgeschüttet, und so liegt er da und singt seine schwermütigen Weisen.

William Gibson: Virtuelles Licht, Heyne-SF 5355 (1996)

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* Der Begriff wird im Buch erklärt als ein »Synonym für bestimmte nutzlose und unerklärliche Monumente, zweckfreie, aber sonderbar kunstähnliche Merkmale der Stadtlandschaft« (S. 81)



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