TERRAsse


Gundula Sell

Endlich ein richtiger Held

Harry Potter rettet mit Magie die Welt
und die Leselust einer Generation.

[Harry Potter und der Stein der Weisen]Was ist denn das für einer, der sich mit Gerhard Schröder auf dem Titelbild der ersten »stern«-Ausgabe des Jahres 2000 findet? Was, Sie kennen Harry Potter nicht? Das ist endlich mal ein wirklicher Held! Den muß man doch nicht nur kennen, sondern lieben. Schon, weil dieser etwas zurückhaltende, schulisch gar nicht so glänzende Junge mit der gezackten Narbe auf der Stirn von Zeit zu Zeit die Welt rettet. Harry Potter ist ein Junge, der ein jämmerliches Leben bei spießigen, dummen Verwandten führen muß, bis ihm mit elf Jahren mitgeteilt wird, daß er der in einschlägigen Kreisen berühmte Harry Potter ist – ein Zauberer und Sohn von Zauberern. Seine Eltern hatte der Usurpator von der »dunklen Seite«, Lord Voldemort, erschlagen, Harry war er nicht beigekommen. Statt dessen kämpft jetzt Harry gegen die Rückkehr Voldemorts, dessen Namen die Zauberer nicht auszusprechen wagen, und seiner Kreaturen. Letztlich siegt er nicht mit Zauberei, sondern mit menschlicher Stärke.

Harry also, eine Erfindung der Edinburgher Autorin Joanne K. Rowling, ist ein Star. Wer die Bücher einmal aufgeschlagen hat, entgeht dem Zauber nicht. Es muß doch was mit Magie zu tun haben, wenn die zappeligen Computerspiele-Freaks ganz süchtig nach den drei dicken Büchern sind, die noch nicht verfilmt sind und für die es noch nicht mal Merchandising-Schnickschnack gibt. Wenn Harrys Post-Eule Hedwig stapelweise Fan-E-Mails von Groß und Klein auf die Homepage tragen muß. Wenn der britische Original-Verlag Bloomsbury eine Extra-Ausgabe für Erwachsene aufgelegt hat, damit sich die an Harrys Abenteuern festgelesenen Manager nicht genieren müssen, mit einem Kinderbuch erwischt zu werden. Erstaunlich: Braucht unsere durchgestylte, vollvernetzte Welt jetzt so sehr wieder eine Nische voller Dunkelheit, voller Geheimnisse nicht der Technik, sondern von Magie und Menschlichkeit? Haben die elektronifizierten Zukunftsvisionen, die gerade um die letzte Jahreswende wieder mal hochgetunt wurden von (kommerziell und politisch) interessierten Seiten, die Machbarkeitsfantasien, die blanken, kalten, lichtgeschwinden Hightechschwärmereien bei den Leuten schon so viel Kredit verloren?

[Harry Potter und die Kammer des Schreckens]Weg von den Dursleys, bei denen Harry zuerst im Schrank unter der Treppe hatte wohnen müssen, weg aus dem London der Muggels (das sind solche magielosen Tröpfe wie Sie und ich), wo es nur eine einzige, gut verborgene Einkaufsgasse für Magier gibt, nur fort aus dem Bahnhof King's Cross vom Bahnsteig Neundreiviertel mit dem purpurroten Hogwarts-Expreß! Auf zur Internatsschule Hogwarts in einem verwunschenen Schloß mit allem, was dazu gehört, Verliesen, Poltergeistern, Geheimgängen und einem Gespenst im Mädchenklo, der Maulenden Myrte. Dort lernt Harry die Geheimnisse der Zauberkunst gemeinsam mit seinen Freunden Ron, einem prima Kumpel, und Hermine, einer unendlich belesenen Besserwisserin, die aber im Ernstfall über ihren streberhaften Schatten springt. Alles ist anders als in der Muggelwelt, die Fächer, der Lieblingssport Quidditch – ein Ballspiel von Flugbesen aus –, die verhexte Landschaft voller schrecklicher Wesen rings ums Schloß, der Alltag – um in die Schlafräume zu kommen, muß man einer Dicken Dame auf einem Ölbild das Passwort sagen …, aber im Grunde ist es eine Welt wie unsere auch, nebenbei noch sehr schön altmodisch-britisch. Was fehlt, ist die Technik der Muggel, deren drollige Raffinesse manchmal von fern bewundert, aber kaum gebraucht wird, man kann das schließlich alles magisch. Selbst Strom macht sich nur bemerkbar, wenn er durch Dunkle Magie ausfällt. Aber statt dessen schüttet die Autorin ein schier unerschöpfliches Füllhorn von großen und kleinen Ideen aus über die Ausstattung dieser Welt mit Einzelheiten und Nebenpersonen und Namen, es ist eine helle Freude. So schafft sie Atmosphäre, manchmal gruselig, manchmal faszinierend und gar bald vertraut wie die eigene Welt, nur dichter. Die Hauptsache ist aber fesselnde Handlung jedesmal, verzweigt und komplex. Man würde es den mit Daily Soaps abgespeisten Kindern gar nicht zutrauen, sich für so etwas zu begeistern. Aber die Romane sind so voller Spannung, voll großem Atem, voller Farbe, daß es leicht fällt, den Handlungssträngen zu folgen. Und die Autorin arbeitet ungewöhnlich gründlich. Alles, was sie aufbaut, und erscheine es nur als Ornament, hat seine Funktion in der Handlung. Sie knotet alle Fäden wieder zusammen, nach den verblüffendsten Wendungen gibt es jedes Mal einen großen, kraftvollen Schluß. Gut und Böse verteilt sie klar, doch führt das nie zu Simplizität. Es geht immer um die großen Themen der Literatur, Tod, Verrat, Bewährung, Entscheidung, Suche nach der Wahrheit, aber in einer Form, die Zehnjährige nicht überfordert. Und die mir, namentlich im dritten Band, mehr als eine schlaflose Nacht gebracht hat.

[Harry Potter und der Gefangene von Askaban]Die Beschreibungen und Dialoge erscheinen leichthin, auch witzig, aber dahinter stehen differenzierte Menschen mit ihren Widersprüchen, Zweifeln, Stärken und Schwächen und ihren manchmal heiklen Beziehungen. Gerade darum fällt die Identifikation so leicht, leuchten die Archetypen so klar hervor. Die wichtigsten wiederkehrenden Personen außer den Erwähnten sind: Dumbledore, der Schuldirektor, ein weiser, väterlicher Mensch, auf dessen Vertrauen in Harry und umgekehrt die glückliche Lösung des zweiten Bandes beruht; der Wildhüter Hagrid, der ein weites Herz noch für die gräßlichsten Ungeheuer hat und sich durch seine spontane Ungebärdigkeit immer wieder in Schwierigkeiten bringt; Draco Malfoy, Harrys offener Feind unter den Schülern; Snape, Lehrer für Zaubertränke, grausam, ungerecht und mit einem tiefsitzenden (im dritten Band allerdings überzeugend erklärten) Vorurteil gegen Harry; die strenge, aber gerechte Lehrerin McGonagall; und Fudge, der Minister für Magie (dessen Name nichts mit Bonbons zu tun hat, sondern mit einem englischen Wort für das, was Politiker eben tun: unentschieden und volltönend rumlabern). Oder der Gefangene von Askaban, ein von allen gefürchteter Ausbrecher aus dem magischen Hochsicherheitsgefängnis, der Harry sucht, über den ich hier aber nichts weiter sagen will, ebenso wie ich mich hüten werde, das Geheimnis von Professor Lupin, meinem Lieblingslehrer, zu lüften, der ein großartiger Mensch ist, aber am Schluß wegen eines Makels geschaßt wird.

Die Übersetzung von Klaus Fritz ist gelungen und stimmungsvoll. Daß er nicht all die reizvollen Sprachspiele zu übertragen geschafft hat, ist bei deren Vielzahl vielleicht verzeihlich. Die Serie ist (zum Glück für uns Süchtige) auf insgesamt sieben Bände angelegt. Bisher ist die Autorin von Mal zu Mal besser geworden. Ich hoffe, sie läßt sich weder vom Erfolg verführen noch unter Druck setzen und bleibt bei der gewohnten Gründlichkeit und Güte.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen. 1998, 336 S.;
Harry Potter und die Kammer des Schreckens. 1999, 352 S.;
Harry Potter und der Gefangene von Askaban. 1999, 448 S.
Alle Carlsen, Hamburg, deutsch von Klaus Fritz



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