TERRAsse


Gundula Sell

Der Kampf von Gut und Böse und ein furchtsames Nadelkissen

Joanne K. Rowling hört mit einem Anfang auf

[Harry Potter und der Feuerkelch]Zur Abschreckung könnte man sagen, daß es sich unter anderem um einen Roman über die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts handelt. Aber da sich sowieso keiner vergraulen läßt, sage ich lieber gleich, das es sich um das spannendste Buch handelt, daß mir seit längerem begegnet ist. Etwas wie ein Gedankensieb kommt darin vor: Wenn man mit der Nase dem darin wirbelnden Nebel zu nahe kommt, rutscht man hindurch und mitten hinein in jemandes Erinnerung oder Gedanken. So, magisch angesaugt, werden junge und alte Leser auch den vierten Band der Schul-Erlebnisse des britischen Zauberlehrlings Harry Potter Nächte hindurch schmökern.

Man braucht sich dafür keineswegs zu schämen: Dieser auf sieben Bände geplante Bildungsroman, der immer noch von Buch zu Buch besser wird, ist auf seine Art große Literatur. Trotz der Strenge des Handlungsrahmens sprüht auch der vierte Band vor Fantasie und will einem in seiner Fülle realer scheinen als die Wirklichkeit.

Natürlich werden vertraute Motive aufgegriffen, und es gibt auch diesmal spannende Schilderungen von immer neuen Wundern und Verwandlungen rund um das Zauber-Schulinternat Hogwarts und seine Bewohner. Herrliche Dialoge bis zu den letzten Nebenpersonen, reizende Einfälle – einer hat sich beim Verwandeln eines Igels in ein Nadelkissen so dämlich angestellt, daß das Kissen immer wegrennt, wenn man ihm mit einer Nadel nahe kommt – und Parodien auf unsere unmagische Welt – eine ¯Hauselfen-Befreiungsfront® soll die Unterdrückung dieser dienstbaren Geister beenden helfen; ganz zu schweigen von Hohn und Spott auf die britische (besonders gräßliche) Boulevardpresse. Keine einfache Sache für den Übersetzer Klaus Fritz, alle Wortspiele und Redeweisen nachzubauen. So weit vom Alltag entfernt einem das auch erst vorkommt, so nahe rücken einem die Einzelheiten, wenn man versucht, sie mit Abstand zu betrachten. Wie die schottische Autorin das hinkriegt, ist höhere Magie.

Daß gleich zu Beginn ein Fiesling ein verbotenes Totenkopf-Zeichen an den Himmel projiziert, daß eine Gruppe Vermummter, Ungreifbarer an Muggeln (Nichtzauberern) ihr Mütchen kühlt, um der Aggression, der Bosheit und zerstörerischer Machtgier willen – das mag den täglichen Schlagzeilen fast zu ähnlich erscheinen. Aber auch das ist organisch und mit großer erzählerischer Kraft aus der Logik der Zaubererwelt heraus geschaffen. Es begründet eine neue, tiefergehende Runde des Kampfes von Harry und seinen Freunden gegen das Böse, das immer mächtiger zurückkommt. Unnütz wäre nun das Vokabular der politischen Korrektheit. Ungeheures geschieht, dem gegenüber jeder sich entscheiden muß.

Und noch mehr als in den bisherigen Bänden kommt es darauf an, wie sich Gut und Böse mischen. Nicht mehr nur Schein und Sein der Personen überlagern einander, sondern inmitten einzelner Menschen klirren die Widersprüche aufeinander: Zwei erbitterte Feinde merken entsetzt, daß sie auf der gleichen Seite stehen. Jemand springt ein einziges Mal über den Schatten seiner maßlosen Korrektheit und richtet so mit Menschlichkeit mehr Schaden an als vorstellbar. Während man lange Zeit denkt, der zu nichts als Sonntagsreden fähige Magie-Minister Fudge sei angesichts der Alternativen ein Segen für die Zaubererschaft, merkt man schließlich, was für ein schädlicher Stümper er ist (der etwas direkte Wildhüter Hagrid hatte es ja gleich gesagt).

Am Ende steht ganz zu Recht ein Anfang … und nun müssen wir wieder fast ein Jahr in banger Erwartung an den Nägeln kauen und uns fragen, was bis zum Erscheinen des fünften Bandes in der Zauberer-, nein in unserer Welt Verheerendes vor sich gehen wird.

Eine Kritik sei nicht verschwiegen: Genau so wenig wie in der britischen und amerikanischen Ausgabe ist es in der deutschen gelungen, einen kongenialen Illustrator zu finden. Aber die Bücher sind stark genug, auch ohne voller Bilder zu stecken.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Feuerkelch. Carlsen



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