
Das Mädchen kam ihm so nahe, daß Merk dachte, sie würde von innen an die Glasscheibe der Bildröhre hauchen. Wirre, halblange Haare, zu etwas gedreht, das vor zwei Wochen einmal Locken gewesen sein mochten. Eine große Nase in einem Gesicht, das ein paar Knochen zuviel hatte. Und sie hauchte ans Glas. Da war ein kleiner matter Fleck, der erst verschwand, als Merk nicht mehr darauf achtete. Früher hätten sie beim Fernsehen dafür jeden verprügelt. Heute bauten sie einem mir nichts, dir nichts, ohne viel zu verlangen, einen Realitätstunnel ein. Seine Frau hatte ihn wegen diesem Gerät schon beinahe aus dem Zimmer verwiesen. Höchstens einmal. Oder vor drei Tagen auch? Eigentlich war es jede Woche gewesen, und Carmen war diesmal immer noch nicht zurück. Warum sie nur den Karton herumliegen ließ?
Das Mädchen trug ein rotes Kleid, das ihr zu groß war. Besonders dort, wo es die Brüste zu verbergen gehabt hätte. Varthy, Merks Schulfreund, hatte immer gesagt, zwei kleine Geldbörsen mit einem Taschentuch darin, mehr nicht. Sie hielt manchmal die Gitarre davor, die sie nicht spielen konnte.
Das Mädchen konnte auch nicht singen.
Es schwitzte und schrie sehr laut. I need no concrete! I need no concrete! Ihre Stimme war das Klirren von Glas, das Fauchen von Katzen und das Sirren des kleinen Bohrers beim Zahnarzt, kurz bevor er auf den Nerv kam … so etwas hörte sich seine Tochter immer an. Das Mädchen hinter der Scheibe war auf dem Nerv. Es riß die Saiten, und es klang, als weidete sie ein großes, trauriges Tier aus, das noch nicht tot war. Es hörte sich an, als hätte das Tier es verdient gehabt und vor allem, es schaute nicht aus, als ob es bald vorbei wäre. Das Lied schaukelte sich immer wieder hoch in diesen seltsamen Rhythmus, den Jimi Hendrix in »Are You Experienced« gespielt hatte. Nur brauchte das Mädchen ihre Gitarre nicht anzuzünden, um sie zu erledigen. Sie atmete wieder gegen die Kamera. Auf dem Bildschirm erschienen kleine Tröpfchen. Es knisterte im Apparat.
Merk kratzte sich am Kopf und überlegte, ob er umschalten sollte. Zweifellos war dies hier letzter Schund, aber andererseits hatte ihm lange nicht mehr eine Musik direkt durchs Ohr ins Herz gefaßt. Diese Saiten, als ob sie gleich reißen wollten, dieses Kreischen in der Stimme, wie das Knurren einer Tigerin, wie das Sägen von einem Hochdruckstrahl durch Beton …
… er hatte das schon mehrfach überhört.
In diesem Augenblick stürzte zwei Kilometer entfernt auf der Südhöhe ein Hochhaus zusammen. Merk hörte noch einmal die Stimme des Mädchens. Er hatte sich gerade umgedreht, um sich ein Bier vom Balkon zu holen, da sackte das Gebäude in einer Staubwolke herab wie eine Torte, durch die man einen Tennisball geschossen hatte. Merk ließ beinahe das Bier fallen. Aber wer Bier verschüttet, muß ein Brot verbrennen, hatte Varthy gesagt. Das Mädchen sang einen weiteren Akkord und kreischte. Sie wollte weiterhin keinen Beton.
Das zweite Haus am Berg fiel in Trümmer. Merk schaute zum Bildschirm und sah ein kurzes, wildes Lächeln. Die Kleine spuckte gegen das Glas, und diesmal war es wirklich innen naß. Merk griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Einen winzigen Augenblick lang schien es so, als wollte sich das dritte Haus auf der Südhöhe ganz ohne Erdgeschoß in der Luft halten, dann ging der Apparat wieder an und das Gebäude donnerte zu Boden. Komischerweise kam der zwölfte Stock zuerst unten an.
Merk riß das Netzkabel aus der Steckdose. Draußen blieben die Häuser unversehrt. Einige Sekunden lang hockte ihm die Stille im Genick, und die war schlimmer als alles andere vorher. Noch einmal! Sie noch einmal hören … Draußen nickte das vierte Haus einmal kurz mit der Dachkante. Merk hörte seinen Nachbarn zu dessen Sohn sagen, daß es Irrsinn sei, die Poesie der Bauern wesentlich für den Fortbestand der Zivilisation zu halten. Er solle doch einmal rausfahren, sagte Merks Nachbar durch die Wand, und er solle alle mitnehmen. Da könnten sie sich ja hinstellen und die Geschichten der Bauern suchen.
Genauso war es. Die Äcker reichten nicht einmal aus, um den Klärschlamm der Städte aufzunehmen. Wer dort noch arbeitete, war Müllfahrer, Pfarrer oder Totengräber. Was glaubt ihr, warum wir ständig Vitamintabletten essen?, fragte der Nachbar. Dann hörte Merk die Sängerin im Hintergrund, diese Schreie, das Rumpeln, die spitzen Akkorde, und wußte, warum die Dachkante gewackelt hatte. Wenn er das Lied richtig hören würde, wenn sie ihn auch durch die Wand am Herzbeutel haben könnte, werden da drüben ein paar Tonnen Mauerwerk in sich zusammenkrachen. Er hörte sie schon sehr gut.
Sogar durch die Frage hindurch, ob der Sohn wüßte, wo die Mutter sei. Wo? Wo? Er hörte dahinter das Mädchen, als stände sie neben ihm. Da konnte er doch gleich seinen eigenen Apparat wieder anschalten.
Was er da sah, ließ seine Eier auf Kirschkerngröße zusammenschrumpeln. Als das Bild kam, lag das Mädchen wie tot auf der Bühne, die Gitarre am Hals umklammert mit spindeldürren Fingern. Unter dem roten Kleid schienen ihre Schenkel voller Blut. Doch mit einem Summen richtete sie sich auf. Wie der metallene Mann in Terminator II floß sie in ihre frühere Gestalt zusammen, in die eines gitarrespielenden dünnen Mädchens, das Häuser zum Einsturz bringen kann.
Ich möcht Euch allen ein Lied davon singen, wie es sich unter freiem Himmel lebt.
Neeeiiinnnnn!!!! Nicht wieder von vorn! Seine Tochter war auch so hartnäckig, wenn sie spielte. Merk blickte sich um, wieviel Häuser noch standen, doch über der Südhöhe hing eine riesige Staubwolke, durch die die Sonne in Streifen schien. Im Fernseher machte es Wwwwwww-sch, und die Kleine war in ihrem Lied sofort wieder an der Stelle, an der er sie ausgeschaltet hatte. Sie zupfte einen Ton, der ihm die Aorta hoch und runter fuhr, und holte keuchend Luft zum Schrei. Das vierte Haus verschwand polternd im Staub.
Merk trat in den leeren Karton des Realitätstunnels und machte sich dabei fast in die Hosen. DER TUNNEL. Wenn es nun so wäre? Wenn es nun dieser Tunnel wäre, der sie die Häuser abreißen ließ? In jedem Haushalt hatten sie ihn eingebaut, diesen Griff aus der Tasche der Jogginghose nicht mehr zum Erdnußschälchen, sondern in die pralle Wirklichkeit, wo du dreimal in der Sekunde sterben kannst. Und trotzdem nicht stirbst. Wo du dreimal tötest und dafür nicht bestraft wirst. Niemand hatte bisher nachgeschaut, ob nicht doch jemand dabei hopps gegangen war. So war das vielleicht, alle Fernsehzuschauer ein Mörderklub.
In der Staubwolke bewegte sich wieder etwas, das was anderes als nur Lichtreflexe im Sonnenlicht war. Das Mädchen hatte aufgehört zu singen, sie klopfte von innen an die Scheibe und zeigte mit dem Finger. Merk schaute an sich hinunter und korrigierte sich: es wäre gut gewesen, nicht eingepinkelt zu haben.
Wo wohnst du?
Merk war froh, daß seine Blase bereits leer war. Nicht mehr ganz allein sein, hätte Varthy das genannt, kein Licht am Rad haben, nicht alle Tassen im Schrank. Nicht gut? Oder: das Haus unterm Arsch zusammenfallen. Wie gefällt dir das? Merk klapperten die Zähne und er fingerte, als ob er blind wäre, nach dem Netzkabel.
Dann eben nicht. Ich brauche dich nicht, ich befreie mich ganz allein. Ich zeige dir nur, wie es geht.
So was sagte seine Tochter vorgestern zu ihm.
Trrr-zinggg!
Das Mädchen spielte einen letzten lauten Akkord, der die Teufel aus der Hölle vertrieben hätte und die Engel aus dem Himmel. Das Bild kippte weg und kam wieder. Es zeigte einen leeren Himmel voller Staub, dann eine Wand, die durch Dampf nach unten fuhr. Einen Fahrstuhl, dessen Seil gerissen war, einen Brunnen, der alles in sich hineinsaugte. Die Welt drehte sich dreimal um die Achse, bis Merk aufging, daß dies die Kamera war, die nach unten fiel. Er fummelte am Fernseher herum; das Tunnelmodul war nicht eingesteckt. Das Tunnelmodul war nicht einmal im Zimmer. Schließlich landete die Kamera auf rotem Stoff, hüpfte für eine Zehntelsekunde wieder hoch und blieb auf schwarzem Haar liegen.
Merk kicherte und saugte am Daumen. Natürlich, das Studio war im letzten Monat vom Wilden Mann auf die Südhöhe verlegt worden. Das war jetzt ausgestanden. Er tastete sich ins Schlafzimmer, um eine saubere Hose zu holen. Er kam am Zimmer seiner Tochter vorbei und schaute ganz schnell ganz weit in sich hinein. So schnell und weit, daß er fast dachte, sein Gesicht habe sich umgestülpt. Nicht alle Tassen im Schrank, einen Meter neben der Mütze! Seine Tochter war zum Glück blond, aber auch ganz mager. Seit sie gesehen hatte, was auf den Feldern wächst, wollte sie nichts mehr essen. Sie sang mit dem Nachbarssohn Bauernlieder. Die waren wütender als eine Maschinenpistole. Sie waren ätzender als ein Waggon voller Säure. Seine Tochter mochte solche Musik. In den Städten, sagte sie, erinnert sich kein Stein an dich! Ihre Finger schienen dünn wie Draht, doch sie spielten den Draht, daß er heulte wie die Posaunen von Jericho. Ihre Gitarre hatte gebrannt, bevor sie sie zu spielen begann. Die Kinder zeigten heutzutage eine Wut, wie sie nur ein wildes Tier haben konnte. Nur zerstören sie keine Häuser, murmelte Merk.
Keine Häuser, sie zerstörte keine Häuser. Nein, das machte sie nicht! Keine Häuser! Keine Häuser! Ich kenne meine Tochter. Keine Häuser. Merk hockte sich auf den Fußboden vor der Tür und starrte an die Decke. Er begann zu schaukeln wie ein kleines Kind. Keine Häuser. Keine Häuser.
An ihrer Tür klebte ein Plakat mit der Neutronenbombe. Es gefiel seiner
Tochter sehr. Davor baumelte ein Büschel Haar, zu Locken gedreht,
wie sie seine Frau immer trug. Seine Frau war seit drei Tagen verschwunden.
Die des Nachbarn auch. Merk suchte das Netzkabel und wollte es immer
wieder herausziehen.
