
Diese Szenen spielen nicht in einer psychiatrischen Anstalt. Genauere Angaben sind leider nicht verfügbar.
Der Vorhang öffnet sich.
Auf einem Sofa vor dem Fernseher liegt Gott, Wattepfropfen in den Ohren, eine Binde vor den Augen, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Auf dem Bildschirm ist eine Nachrichtensprecherin zu sehen, die von Demonstrationen für den Schutz der Tropischen Regenwälder berichtet.
In einem Sessel räkelt sich eine schwarzweiß gefleckte Katze.
Morgens schlürft die schwarzweiß gefleckte Katze Milch aus einem Napf. Und Gott liegt bäuchlings auf dem Teppich und beobachtet die Katze dabei, wie sie Milch aus einem Napf schlürft. Wenn sie sich dann erhebt und zum Aquarium spaziert, um sich einen Fisch auszusuchen, steht Gott schnell auf und geht zur Küchenwaage, um nachzumessen, wieviel Gramm Milch die Katze heute zum Nach-Fisch aufgehoben hat. (Die Mahlzeit der Katze besteht gewöhnlich aus drei Gängen: Vor-Fisch, Fisch und Nach-Fisch.) Seit Jahren schon führt Gott Buch über diese Mengen, weil er versuchen will, eine Regel darin zu erkennen, was ihm allerdings bisher nicht gelungen ist. Der Appetit der Katze ist von einer geradezu tückischen Regellosigkeit. Das wurmt Gott, denn schließlich hat er die Welt aus Gesetzen zusammengebaut. Selbst der Würfel, mit dem die Katze für ihn die Antworten auf gelegentliche telefonische Anfragen auswürfelt, gehorcht einer gewissen Statistik – nur die Katze selbst nicht. Mehr als einmal hat Gott sich gefragt, ob es sich bei der Katze nicht um ein eingeschmuggeltes, seiner Schöpfung fremdes Wesen handeln könnte, das ihn ausspionieren soll. Was jedoch sehr undankbar von der Katze wäre – immerhin genießt sie beinahe himmelschreiende Privilegien: nicht nur, daß sie in seinen Fernsehapparat sehen und auf seinem Kissen sitzen darf; Gott hat sich auch, da sie in die Whiskas-Büchse beharrlich fünf- bis zehnmal täglich pinkelt, dazu bereitfinden müssen, Fische für sie zu erschaffen, und zwar nicht irgendwelche Fische, sondern Spezialanfertigungen ganz nach Wunsch der Katze. Seit sie ein Buch über Tiefseefische, eins über Süßwasserfische und diverse andere Monographien studiert hat, erinnert sich Gott zwangsläufig nach und nach wieder an seine Geschöpfe. Besonders böse ist er darüber nicht. Es sind zwar schon gebrauchte und in gewissem Sinne veraltete Muster, aber immerhin verlernt er dadurch das Erschaffen nicht …
Am späten Vormittag sieht die Katze sich die Nachrichten an. Gott liegt währenddessen auf dem Sofa, Wattepfropfen in den Ohren und eine Binde vor den Augen, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Auf dem Bildschirm ist eine Frau zu sehen, die von Festveranstaltungen anläßlich des fünfhundertsten Jahrestages der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus berichtet. Gott, der von alledem nichts weiß, ist es gerade gelungen, seine Gedanken völlig abzuschalten. Denn darin liegt das Geheimnis der Langlebigkeit: täglich das Gehirn mittels eines Vakuums reinigen und dabei lächeln. Im Sessel auf einem blauen Kissen räkelt sich unterdessen die Katze.
Schon sehr lange sieht Gott sich keine Nachrichtensendungen mehr an. Genau gesagt, hat er es an jenem Tag aufgegeben, als er zufällig zusah, wie auf der Erde einer hingerichtet wurde. Gerade als Gott der Gedanke aufging, daß an dieser seiner Schöpfung irgend etwas schiefgelaufen sein mußte, hatte die damalige Katze einen mörderischen Furz gelassen, der auf der Erde enorme Verwirrung ausgelöst hatte; dabei behauptete sie ihr Leben lang, es sei nur Zufall gewesen, daß sie gerade in diesem Moment vor dem Mikrophon gehockt hatte, welches im übrigen seitdem nicht mehr zu gebrauchen war. Gott hatte des Gestanks wegen schleunigst das Zimmer verlassen, und als er es wieder betreten konnte, hatte er hoffnungslos den Anschluß an die Geschehnisse auf der Erde verloren.
Mittags hält die Katze Mittagschlaf auf dem blauen Kissen, und Gott liegt bäuchlings auf dem Teppich und beobachtet die Katze dabei, wie sie auf dem blauen Kissen schläft.
Das Telefon klingelt.
Nichts liebt die Katze so wie Telefongespräche. Sofort wacht sie auf, wartet aber geduldig, bis Gott »Geh ran, Katze!« gesagt hat, dann erst läuft sie zum Apparat und nimmt den Hörer ab.
»Es tut mir leid«, sagt sie nach einer Weile, »aber er ist nicht da. – Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, wann er zurückkommen wird. Er hat mir nichts hinterlassen. Ich habe ihn in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Auf Wiederhören.«
Sie legt auf und läuft langsam zurück zu dem blauen Kissen, vor dem Gott liegengeblieben ist, ohne den Kopf bewegt zu haben. Er wartet, bis die Katze wieder in sein Blickfeld eintaucht, und sagt nichts.
Abends geht die Katze schlafen. (Gott selbst, um sich vor Schlaflosigkeit zu schützen, schläft nie.) Vorher machen beide gemeinsam ihre Abendgymnastik: Die Katze vollführt zwanzig Kniebeugen und einen zweieinhalbminütigen Kopfstand; Gott stellt sich vor den Spiegel, macht, was er für ein vertrauenerweckendes Gesicht hält, und sagt fünfzigmal: »Es gibt mich nicht.« Denn morgen ist Mittwoch, und da hält er seine wöchentliche Fünfminutenfernsehansprache.
