
Auf
manchen Türen ein verblasstes Bild in Rot und Blau.
Übermalte Schriftzeichen, die wieder durchkommen. Verpönte Umgangsformen,
plötzlich ganz selbstverständlich. Erzählungen, Widersprüche, Mythen
ohne Anfang und Ende.
In einer ärmlichen Provinzstadt des scheinbar so modernen Staates auf dem Planeten Aka findet die Sprachforscherin Sutty von der Erde Spuren von Geschichte, die in der Hauptstadt ausgelöscht waren. Ohne sie sollte es nach dem Willen der »Körperschaft« endlich Fortschritt geben, herrlichen Aufschwung der Gesellschaft von Erzeugern-Verbrauchern zur Technik und zu den Sternen.
Die Forscherin erfährt Geheimnisse, die ihr die Leute dort draußen bereitwillig mitteilen, weil sie für sie der selbstverständliche Grund ihres Lebens sind, ein Wurzelgeflecht, das sie vor Geschichtslosigkeit rettet. Gegen die Kälte, Einheitlichkeit und Materialität der offiziellen Welt setzen sie geheim bewahrte Bibliotheken, Bilder, Musik. Die Türen mit dem rot-blauen Bild führen zu abgeschafften Bibliotheken. Aber immer noch haben Leute heimlich Bücher aufgehoben oder ersetzen sie durch mündliches Erzählen. Sie versuchen, Fragmente einer fast weltlichen Religion zu bewahren, ein Gestrüpp von Geschichten und Philosophie, in der »die zwei, die eines sind«, der rotblaue Baum, der sich in die Wolken verzweigt, der Berg, Mutter und Zuflucht, immer wiederkehren. Ein Apotheker und Kräuterkundler hütet das Wissen um die Wirkung der Pflanzen. Die Herbergswirtin führt Sutty zu einer gemeinschaftlichen Meditation. Die Leute versammeln sich um die Erzähler, die zugleich Historiker, Lehrer, Geistliche und Ärzte sind. Denn auch in den Erzählungen, die Jahrtausende zurück und in die Tiefe der Seelen reichen, gehen die Wissens- und Lebensbereiche ineinander über. Das Bild, das sich Sutty macht, ergibt nie ein Ganzes. Sie erfährt nicht, ob das nur daran liegt, dass zu viel verloren ist. Vielleicht muss das auch so sein, um wahrhaftig zu sein, die geistigen Schätze einer ganzen Welt zu enthalten?
Auch von der Gewalt erfährt sie, mit der die »Körperschaft« ihre Ziele durchsetzt. Die Meditation wird von einer Kontrolle unterbrochen und geht in angestrengte Gymnastik über. Sie hört von der Zerstörung unzähliger Bücher, von der Verschleppung und von der zum Teil tödlichen Umerziehung ertappter Erzähler. Der Apotheker verschwindet spurlos. Das ist ihr nicht fremd. Die Forscherin, selbst anglo-indischer Herkunft, aus Amerika, kommt von einer Erde, auf der unter umgekehrtem Vorzeichen eine vergleichbare »Revolution« der Vernichtung von Vielfalt, Wissen, Tradition nur mühsam abgewendet worden war. Hier waren es religiöse Fundamentalisten, die den Untergang der Erde durch Technikgläubigkeit gefürchtet hatten und Bibliotheken und Menschen zerbombten. Um dort wegzukommen, dort, wo auch ihre Lebensgefährtin Opfer dieser Gewalt geworden war, war sie in die fremde Welt aufgebrochen. Sie wird zu einer Vertreterin der Ökumene von Welten, die in Le Guins Hainish-Zyklus immer wieder eine Rolle spielt. Diese Botschafter der Ökumene sind es schließlich auch, die in beiden Fällen schließlich das Schlimmste verhindern.
Beide kulturrevolutionären Antiutopien schildert die amerikanische Meisterin philosophisch-politischer Science Fiction und Fantasy (»Winterplanet«, »Erdsee«), Verfechterin von Nachhaltigkeit schon vor Aufkommen des Begriffs, äußerst abschreckend. Aber leuchtend und faszinierend ist ihre Darstellung des stets gefährdeten kulturellen Netzwerks der Erzähler auf Aka, in der sich östliche Weisheit, sinnliche Kraft und Intellekt mischen. Der Hintergrund, vor dem sie die geistige Welt der Erzähler entfaltet, ist karg, aber dennoch verlockender als die genormte Welt der Corp-Star-Supermärkte, der verlogenen Gleichmacherei und der implantierten Identifikationskarten. Mit einigen der Erzähler zieht Sutty den mythischen, aber tatsächlich sehr echten Berg hinauf, wo oben in einer Höhle eine Bibliothek verborgen ist, die Bibliothek, zu der die Erzähler aller Völker von Aka ihre Schätze tragen. Die Sommerlager der halbnomadischen Landwirte unterwegs erinnern, wahrscheinlich keineswegs zufällig, an die Welt von Tschingis Aitmatow. Wobei Le Guins Verbindung von Urtümlichkeit und Science Fiction weit überzeugender wirkt als die des großen Kirgisen. (Und doch bleibt sie, wenigstens in Deutschland, in dem SF-Ghetto, in das sie vom großen, tiefen Atem ihrer Weltentwürfe her, zu denen auch quasi historische und gegenwartsbezogene gehören, keineswegs gehören sollte.)
Sie entgeht der Versuchung, im Roman Gut und Böse einfach gegenüber zu stellen. Das, was sich ineinander spiegelt, biegt sich an den Rändern zueinander. Nichts ist eindeutig, das erfährt auch die Heldin, nicht zuletzt an sich selbst. Und sogar ihr so geradlinig erscheinender Widersacher wird im Laufe des Buches ein anderer. In einer spannenden Handlung verschmilzt sie das Unvereinbare beinahe in eines und treibt es erneut auseinander. Ein wenig Hoffnung bleibt und eine Menge Nachdenklichkeit.
Immer wieder wundere ich mich, wie un-amerikanisch diese Autorin eigentlich ist, auch wenn sie das Motiv des Büchervernichtens und -rettens aufgreift, wie man es von ihren Landsleuten Ray Bradbury (»Fahrenheit 451«) und Walter M. Miller jr. (»Lobgesang auf Leibowitz«) kennt. Bei den meisten berühmten SF-Autoren, auch den richtig guten, müssen wir Europäer, ähnlich wie bei Hollywood-Filmen, einfach hinnehmen, dass die amerikanischen Themen und Sichten die dominierenden oder allein verbleibenden für unsere Zeit sind. Das sagt gegen diese Autoren nichts. Aber wenn man die Bücher von Ursula Le Guin liest, die den »American Way of Life« bestenfalls wie staunend von außen ansieht, die sogar europäischer bis in die Fingerspitzen ist als viele moderne europäische Autoren, dann merkt man, was einem doch oft zu fehlen droht. Und auch das Quantum Süden und Osten in diesem Roman, die indische Herkunft Suttys und die östlichen Strähnen in der Mythologie der Erzähler, geben dem Blick wohltuende Weite.
Ursula K. Le Guin: Die Erzähler (The Telling). Roman.
Aus dem Amerikanischen von Biggy Winter.
München: Heyne 2001. 240 S.
