
1959
erschien in den USA das Buch Lobgesang auf
Leibowitz mit einem Thema, das die Menschen damals sehr bewegte.
Der Weltuntergang durch Atomkrieg schien in jenen Jahren nicht unwahrscheinlich
oder, je nach Standpunkt, nur eine Frage der Zeit zu sein. Viele Romane
handelten davon. Millers Buch setzte 600 Jahre später ein und umging
damit die kräftigen Armageddon-Effekte. In drei Episoden beschreibt
er, wie ein nordamerikanischer katholischer Mönchsorden in der Nachfolge
seines legendären Gründers Isaac Leibowitz die nach dem Weltbrand
und der nachfolgenden Raserei gegen jeden Rationalismus übrig gebliebenen
Reste menschlichen Wissens bewahrt – bis, wieder Jahrhunderte
später, der Kreis sich schließt und die erneut entwickelte Wissenschaft
einen neuen Atomkrieg heraufbeschwört.
Millers tiefer Pessimismus ist von einem ernsthaften, aber doch mit Ironie versehenen Katholizismus geprägt. Der Glaube, die religiöse Auseinandersetzung des Einzelnen ist sein Thema und das Einzige, das er und seine Helden in drei um Jahrhunderte voneinander entfernten Episoden der immer wieder heranwuchernden Barbarei entgegen setzen können. Das schildert er auf beeindruckende, sehr genaue Weise. Er schafft eine eigene Welt, ohne weltliche Hoffnung zwar, aber mit Widersprüchen, Farbe und sinnlicher Kraft.
Seit seinem ersten Buch, in und sogar außerhalb von Science-Fiction-Kreisen als Kultbuch betrachtet, gab es von Miller nur noch einige Erzählungen. Das Fragment seines zweiten Romans in der gleichen Welt übergab Millers Agent dem Autor Terry Bisson, weil Miller, unter Depressionen leidend, es nicht zu Ende schreiben konnte. Der allmählich wie ein Einsiedler lebende Miller nahm sich das Leben, bevor das Buch fertig war und 1997 in den USA erschien. Doch was er da mit Bissons Hilfe hinterlassen hatte, ist eine großartige Sache. Der Roman spielt in derselben Welt wie der erste, ist auch ähnlich illusionslos, aber ganz anders gemacht.
Miller schafft ein großes Panorama jener Welt, in dem alle Völker zu handeln haben und, natürlich, in einen gewaltigen Krieg verwickelt werden, der nur deshalb kein Weltkrieg wird, weil man gerade erst wieder halbwegs brauchbare Feuerwaffen erfunden hat. Der Held, nein, dazu reicht es nicht, also: die Hauptfigur ist der Mönch, Schwarzzahn, der von Nomaden abstammt und im Kloster heilige Schriften in deren Sprache übersetzen soll. An dieser Aufgabe verzweifelt er. Zu Recht, wie sich später herausstellt, denn Verständigung ist höchstens eine Ausnahme, und alle, Gruppen oder Einzelne, folgen letztlich nur ihren eigenen Interessen. In die Welt zurück gerät Schwarzzahn im Gefolge eines sehr weltlichen Kardinals, der später Papst wird, eher eine Karikatur auf einen Papst. Dieser, Braunpony, hat ebenso viel Glauben wie Verzweiflung in sich, und aus Wut über die Barbarei stiftet er zu einem Kreuzzug gegen das mächtiger werdende Reich Texarkana an, um New Rome, den Papstsitz seit Zerstörung Europas, für sich zurückzuerobern. Mit ihm ziehen Krieger verschiedener Nomadenstämme, die in sich auflösenden matriarchalischen Verhältnissen leben, etwas zwischen Indianern und der Goldenen Horde. Bei ihnen verlieren die Weejus-Frauen, eine Art religiöser Rat der alten Frauen, an Einfluß mit dem Vordringen von Zivilisation. Mit dem Papst Braunpony ziehen auch die kampffähigen der Nachfahren von nach dem Atomkrieg aufgekommenen Mutanten, die eigentlich von den Übrigen streng getrennt zu leben haben. Aus Selbsterhaltung meiden alle Gemeinwesen die Vermischung mit ihnen, doch unter ihnen gibt es Normalos, die äußerlich nicht als Mutanten zu erkennen sind und wiederum in einer eigenen, streng regulierten Gemeinschaft leben. Natürlich geht es all denen nicht um den Papst, sondern um Krieg gegen Texarkana, das einen verhängnisvollen Fortschritt darstellt. Der katholische Klerus, ein disparater Haufen von Kardinälen, darunter eine Frau, ist ziemlich handlungsunfähig und zerfranst auf dem Kriegszug völlig, soweit er nicht auf der Seite von Texarkanas Herrscher Hannegan bleibt. Dessen mühsam zusammengehaltenes Reich scheut sich auch nicht, gesetzlose Banden einzusetzen. Wie übrigens die Gegenseite auch nicht. Die Bauern sind, wie immer, nur Menschenmaterial und Opfer, wenn sie nicht selbst zur Gewalt greifen.
Ja,
es gibt auch Liebe und Freundschaft, es gibt die unspektakuläre
Arbeit der Mönche vom Orden des St. Leibowitz, Wissen zu bewahren,
gleichgültig, ob man es versteht. Aber vor allem gibt es Grausamkeiten
– im Kampf ums nackte Überleben und auch um ihrer selbst willen.
Die Atmosphäre des Buches ist keine von kriegerischer Action. Es ist
eine Düsternis, die kaum auszuhalten wäre, wenn das Buch nicht von
wunderbar reichen und widersprüchlichen Einfällen wimmelte, von großartig
erzählten Szenen, wie denen einer Papstwahl, bei der das Volk der
Ersatz-Papststadt Valana die Kardinäle in ihrer Klausur wirklich einsperrt,
um seinen Wunschkandidaten durchzubringen. Der wird gewählt, aber
warum eigentlich? Immer wieder mischt sich Mystisches in das Reale,
Wunder und Visionen krachen auf fieseste Realpolitik. Kraftvolle Figuren
und Konstellationen werden erfunden, Orte werden geschildert, philosophisch-religiöse
und zugleich ganz praktische Dialoge geführt, die einen lange nicht
loslassen. In zahllosen Einzelheiten entwickelt Miller einen verblüffenden,
klugen, rabenschwarzen Humor. Manchmal allerdings wird mir über lange
Strecken zu viel theoretisch erklärt. Aber vielleicht soll das an
die Chroniken in der Klosterbibliothek erinnern?
Bei Millers Haltung heißt es nicht, etwas vorwegzunehmen, wenn ich zitiere, wie es ausgeht, als der Heerzug, geschwächt durch eine vom Feind bewußt hervorgerufenen Krankheit, New Rome erreicht: Die Heilige Stadt mit ihren Straßengevierten zwischen den verrußten Trümmern war wie ein Palimpsest aus Zivilisation und Elend, ein Gemisch und Gemenge verschiedenster Zeitalter, die wie Blätter aufeinandergefallen waren, sich wie Holzabfälle aufeinandergetürmt hatten, die Überreste von Jahrhunderten, die nur für ein zwanzig Minuten oder zwanzig Stunden währenden Feuer taugten.
Ein etwas versöhnlicherer Schluß (vielleicht von Bisson) nach dem großen Brand, der alle Hoffnungen und Verzweiflungen zerstört hatte, lichtet die Düsternis nicht mehr. Dem Leser bleibt nur übrig, wie der ehemalige Mönch Schwarzzahn zu beten: Heiliger Leibowitz, bete für uns.
Carl Amery hat ein Vorwort für das Hohelied geschrieben, in dem er deutlich macht, daß ihn nicht nur der Katholizismus als Thema, sondern auch der bittere Humor – vielleicht hängt beides zusammen? – mit Miller verbindet. Terry Bisson erzählt in seinem Nachwort, wie er, voller Hochachtung und Begeisterung für den vorhandenen Löwenanteil, das Manuskript zu Ende gebracht hat.
Eine kritische Anmerkung muß noch gemacht werden: Die huschelige, ab und zu sogar den Sinn verunklärende Übersetzung von Isabella Bruckmaier tut der atmosphärischen Dichte manchmal Abbruch.
Walter M. Miller jr., Ein Hohelied für Leibowitz.
Mit einem Vorwort von Carl Amery und einem Nachwort von Terry Bisson.
Wilhelm Heyne Verlag München, 668 Seiten
Walter M. Miller jr., Lobgesang auf Leibowitz,
ist
neu erschienen bei Heyne, in der Jubiläums-Aktion 40 Jahre Heyne
Science Fiction,
428 Seiten
