
Sprecher: … Am Rande der Konferenz sprach unsere Reporterin Isidora Lamue mit Dr. Robert Schlangweiser, der mit seinem Moderat-Alternativen Modell Parlamentarischer Finanzierung allgemein Furore gemacht hat.
NSDR: Herr Dr. Schlangweiser, seitdem Ihr Parlamentarisches Finanzierungsmodell überraschend schnell angenommen wurde, sind Sie buchstäblich über Nacht ins Licht der Öffentlichkeit getreten, ja sogar als Kanzlerkandidat Ihrer Partei im Gespräch. Dabei darf man wohl sagen, daß noch vor einem halben Jahr kaum jemand außerhalb Ihrer Ortsgruppe Ihren Namen kannte und …
Dr. Schlangweiser: Wie das? Ich habe einen gewissen Ruf im Förderverein Olympia 2036 e.V., immerhin einer bundesweiten Organisation.
NSDR: Aber doch keiner genuin politischen.
Dr. S.: Das allerdings. Mein Vorstoß in der Hauptstadt-Debatte 1991 ist leider von interessierten Kreisen totgeschwiegen, ja geradezu unterdrückt worden.
NSDR: Mir ist momentan nicht recht gegenwärtig …
Dr. S.: Wie Sie wissen – oder wohl doch leider nicht, aber wie Sie wissen sollten –, habe ich seinerzeit angeregt, den Regierungssitz nach Helgoland zu verlegen.
NSDR: Nach Helgoland?
Dr. S.: Nach Helgoland. Wo übrigens 1841 die deutsche Nationalhymne gedichtet wurde. Nun, das Projekt ist vorläufig erledigt, ich will mich also nicht in Einzelheiten ergehen, aber die Vorteile hätten auf der Hand gelegen. Keine Rivalität zwischen Berlin und Bonn, zwischen Ost und West in dieser Frage mehr, für die Koalitionsparteien hätte sich zum Beispiel die leidige Sache mit der Bannmeile von selbst erledigt, auch die Gefährdung durch Terrorismus wäre viel leichter in den Griff zu kriegen gewesen. Die SPD hätte ihre Stärkung einer strukturschwachen Region bekommen und die Bündnisgrünen die unmittelbare Nähe zu einem ökologisch eminent wichtigen Gebiet.
NSDR: Und die – entschuldigen Sie den Ausdruck –, die PDS?
Dr. S.: Der wäre immerhin die Hoffnung auf die nächste große Sturmflut geblieben.
NSDR: Ah ja. – Doch zurück zum MAMPF. Das Moderat-Alternative Modell Parlamentarischer Finanzierung ist seit der überraschend einmütigen Annahme durch den Bundestag in aller Munde und in den Grundzügen wohl auch allgemein bekannt, obwohl gewiß noch nicht alle Auswirkungen auf das politische Leben der Republik abzusehen sind und es auch an kritisch-warnenden Stimmen nicht fehlt. Zunächst würde mich jedoch interessieren, wie Sie auf dieses Modell gekommen sind. Haben Sie sich längere Zeit mit der Problematik befaßt?
Dr. S.: Eigentlich nicht. Die Idee ist, wie Sie zugeben werden, ebenso einfach wie einleuchtend, man muß sich nur von ein paar alten Denkgewohnheiten lösen. Geholfen hat mir freilich meine Erfahrung in der olympischen Bewegung. Sie kennen ja den alten Streit um den Amateurstatus der Sportler: Solange ihnen jegliche Werbung untersagt war, gab es ständig Konflikte um die Einhaltung dieser Regeln, es fehlte immerzu an Geld, und die Staatsamateure aus dem Osten waren klar im Vorteil. Bis schließlich sogar das IOC einsah, daß Sport ganz ohne Sponsoring einfach nicht mehr funktioniert, anachronistisch ist, und man genau festlegte, wann, wo und wie der Amateurathlet Werbung machen darf. 1992/93, als eine Kette von Spitzenpolitikern wegen Werbeaktionen ins Gerede kam, wurde mir klar, daß es so nicht weitergehen kann.
NSDR: Und da haben Sie den gordischen Knoten zerschlagen und die Werbung durch Politiker legalisieren lassen.
Dr. S.: Das habe ich vorgeschlagen, aber nicht so pauschal, wie Sie es sagen. Es ging und geht ja um Werbung auf geregelte, transparente Art. Wenn einer auf Briefbögen seines Ministeriums gewisse Produkte empfiehlt, so ist das keine ehrliche Werbung, sondern Schleichwerbung, und die ist und bleibt verboten. Aber warum sollte ein Politiker nicht auf seinem Jackett ein Firmenlogo oder einen Werbeslogan tragen?
NSDR: Aber nur auf dem Jackett.
Dr. S.: Grundsätzlich ja. Um parlamentarische Minderheiten nicht zu benachteiligen, sind etwa Blazer oder Pullover den Jacketts gleichgestellt, es darf aber immer nur das oberste Kleidungsstück genutzt werden. Wenn einer unter dem Jackett eine Weste hat und unter der Weste ein Hemd, und überall Werbung drauf, womöglich von verschiedenen Firmen, dann ist das nicht mehr sinnvoll zu verwalten, ein unkontrolliertes Auswuchern der Werbefläche.
NSDR: Und ein permanenter Anreiz zu striptease-ähnlichen Vorführungen …
Dr. S.: … die der Würde der hohen Häuser abträglich wären. Aus demselben Grunde verbietet sich auch Werbung unterhalb der Gürtellinie, also etwa auf Hosen oder Röcken.
NSDR: Mir fallen da die Knappen bei Heine ein, 'Die in dem Herzen getragen die Treu' Und auf dem Hintern ein Wappen.'
Dr. S.: Sie sehen selbst: der blanke Anachronismus. In jeder Beziehung.
NSDR: Bleibt die heikle Frage des Schlipses.
Dr. S.: Dazu muß noch eine Klärung im zuständigen Ausschuß herbeigeführt werden. Ich würde es allerdings vorziehen, die Krawatte werbungsfrei zu lassen, schon um die Nicht-Krawattenträger nicht zu benachteiligen. Außerdem sollte der Schlips meiner Meinung als fundamentales Ausdrucksmittel der politischen und persönlichen Individualität nicht angetastet werden. Aber natürlich kann man darüber diskutieren.
NSDR: Ich sehe, das Procedere ist schon gut durchdacht. Doch das ist ja nicht alles. Der selbstlose Einsatz für die Sache, ja, der Dienst am Volke – wird er im Wettbewerb um die bestdotierten Werbeverträge nicht auf der Strecke bleiben?
Dr. S.: Durchaus nicht! Wie kommen Sie denn darauf?
NSDR: Sie meinen, daß einige Politiker der Versuchung widerstehen und so vor die Wähler treten werden, wie Gott sie geschaffen hat, im makellos blauen Anzug ohne jede Werbung?
Dr. S.: Das zum einen. Unser amtierender Herr Bundeskanzler beispielsweise hat von einem großen Waschmittelhersteller ein überaus lukratives Angebot erhalten – und es ausgeschlagen.
NSDR: Können Sie sagen, von wem?
Dr. S.: Das möchte ich nicht. Es spielt auch keine Rolle, denn die Idee des betreffenden Unternehmens war, dem Herrn Kanzler die Markenzeichen der Konkurrenzfirmen ans Revers zu heften. Er hat es wegen moralischer Bedenken abgelehnt.
NSDR: Für seinen Auftraggeber wäre es zweifellos ein unfairer Wettbewerbsvorteil gewesen.
Dr. S.: Ich fürchte jedoch, daß er solchen Edelmut nicht lange durchhalten kann, und das wird er wohl bald einsehen. Jeder Politiker muß nun mal seine spezifischen Vorzüge ins Feld führen, und bei ihm ist das die besonders große Werbefläche.
NSDR: Sie sagten: 'Zum einen.' Und zum anderen?
Dr. S.: Zum anderen – und das scheint mir viel wichtiger – gewinnen unsere Politiker erst jetzt eine Freiheit, von der sie früher nur träumen konnten: ohne Rücksicht auf die Sonderinteressen von Lobbies und Parteiapparaten eine Politik machen zu können, die ganz auf das Gemeinwohl abzielt. Denn das ist allemal der sicherste Weg zur Popularität.
NSDR: War er das nicht schon immer?
Dr. S.: Aber nein! Bisher war Popularität das Mittel, um gewählt zu werden, damit man dann bestimmte Interessen durchsetzen konnte. Jetzt wird der Politiker Interessen vertreten, um populär zu werden; die Politik wird aus ihrer Zweckbindung an Sonderinteressen befreit, denn der letzte Zweck ist ja nun einzig und allein die möglichst positive emotionale Besetzung des Werbeträgers. Und was den finanziellen Aspekt …
NSDR: Vielleicht vorher noch eine Frage zur, wie Sie sagten, emotionalen Besetzung. Besteht nicht die Gefahr, daß einfach vom Produkt her, für das geworben wird, wieder eine Kategorisierung der Politiker stattfindet?
Dr. S.: Wieso denn? Nehmen Sie etwa die bekannten Bubble-Hostien – ich darf den Namen nicht nennen, da der Vertrag mit meinem Sponsor Fremdwerbung untersagt …
NSDR: Haribomm macht Kinder fromm.
Dr. S.: Nun ja, das haben Sie gesagt. – Für dieses Produkt also muß durchaus nicht unbedingt ein Kollege von der CSU werben; es kommt vielmehr auf eine gewisse persönliche Ausstrahlung an, christlich-mild, aber nicht fade.
NSDR: Wohl auch nicht buschig-shylockig dreinblickend.
Dr. S.: Ja, zum finanziellen Gesichtspunkt möchte ich noch etwas sagen. Merkwürdigerweise gerät die Tatsache, daß es sich beim MAMPF zuvörderst um ein Finanzierungsmodell handelt, immer wieder in den Hintergrund. Das Ziel ist, wie gesagt, die finanzielle Unabhängigkeit des Politikers, die natürlich auch seiner Würde zugute kommt. Der leidige Zank um die Diäten ist ein für allemal ausgestanden. Wenn sich bisher Parlamentarier ein paar Tausend Mark mehr genehmigt haben, ging regelmäßig ein Aufschrei der Empörung durchs Volk der Steuerzahler. Dieselben Leute fanden und finden nichts dabei, wenn etwa ein Tennisstar Hunderttausende verdient – Geld, das ja schließlich auch von ebendiesen Leuten bezahlt wird, nämlich mit dem Preis der beworbenen Produkte, die sie kaufen.
NSDR: Bestechung …
Dr. S.: Bestechung? Hat kein Politiker mehr nötig, und kann sich auch keiner mehr leisten. Wenn einem so ein Skandal anhängt, hält einem vielleicht die eigene Partei noch die Stange, aber als Werbeträger ist der Betreffende erledigt.
NSDR: Der Bundestag, sagen Ihre Kritiker, wird zur Werbeshow verkommen.
Dr. S.: Verkommen? Verkommen? Wo finden Sie – von ein paar Ausnahmen abgesehen – soviel Originalität, Witz, Ästhetik, Treffsicherheit, Sprachbeherrschung wie in der modernen Werbebranche? Ja, sehen diese Leute denn keine Werbung?
NSDR: Vielleicht sehen sie keine Bundestagsdebatten.
Dr. S.: Das würde freilich manches erklären.
NSDR: Und es ist Hoffnung auf Änderung. – Herr Dr. Schlangweiser, wir danken für das Gespräch.
