Beate Balzer
Pudding
Die Geschichte, die im folgenden eine so außergewöhnliche Entwicklung nehmen sollte, begann ganz ohne Aufsehen an einem sonnigen Freitagnachmittag im April in der Wohnung – oder besser gesagt im Keller – der Familie Hafermalz damit, daß Frau Hafermalz einem verstaubten Regal ein Glas Sauerkirschen entnahm. Alles weitere trug sich dann in der Küche zu. Nachdem Frau Hafermalz ihren Kirschkuchen mit Streuseln versehen und in die Backröhre geschoben hatte, verarbeitete sie den übriggebliebenen Saft zu einem Kirschpudding. Das Rezept, ein sorgfältig gehütetes Familiengeheimnis, ist im Trubel der folgenden Ereignisse leider verlorengegangen, und so kann hier nur so viel gesagt werden, daß es etwas mit Kirschsaft, Zucker und Maisstärke zu tun hatte. Wie auch immer, das Ergebnis war ein dunkelroter, halbdurchscheinender, später auf der Oberfläche glänzender Pudding. Und während er vor sich hin dampfte, ging die Mutter ins Wohnzimmer und ließ sich in einen Sessel plumpsen, um die Zeitung zu lesen.
Nach einer halben Stunde sprang sie plötzlich auf, rannte zum Kinderzimmer, riß die Tür heftig auf und sagte, ohne hineinzusehen: »Bengel, schaff mal bitte den Mülleimer runter!« Aus der Tiefe des Zimmers ertönten die laute Stimme von Donald Duck und ein schwaches »Gleeeiiich …«. »Sofort!« verbesserte Frau Hafermalz. Sekunden später saß sie wieder im Sessel und widmete sich dem Horoskop, welches für diesen Tag ein harmonisches Familienleben versprach. Der Pudding hatte mittlerweile aufgehört zu dampfen.
Als die Mutter einige Zeit später gerade den Kirschkuchen aus dem Herd genommen hatte, klingelte es. Vor der Tür stand die Nachbarin und wollte gern das Telefon benutzen. »Aber natürlich, bitte kommen Sie doch rein …« Im Vorbeigehen riß die Mutter die Kinderzimmertür auf und rief: »Bengel, schaff endlich den Mülleimer runter!«
Die Kinderzimmertür wurde zugeknallt, die zum Wohnzimmer glitt sanft ins Schloß. Dann öffnete sich die Kinderzimmertür langsam wieder, und der achtjährige Hafermalzsche Sprößling erschien. Er schlenderte in die Küche, und sein mißmutiger Blick wurde noch mißmutiger, als er auf den Pudding fiel. »Ich hasse Pudding!« sagte Bengel bestimmt und begann, mit dem Löffel in der roten Masse herumzustochern. »Ich hasse Kinder«, knurrte da der Pudding. »Und heimtückische Angriffe. Und intolerante Personen.« Tief sog er die Luft ein und hatte in Sekundenschnelle nicht nur den Löffel, sondern auch den ganzen Bengel verschlungen, von der Hand, die den Löffel umklammerte, bis zu den Strümpfen. »Schschmmmatzzzzz«, machte der Pudding zufrieden und wackelte ein wenig in der Schüssel herum. Dann stand er wieder ruhig da: rot, halbdurchscheinend, mit glänzender Oberfläche und dem Rand der Schüssel ein Stück näher als vorher.
Nur kurze Zeit darauf öffnete sich die Kinderzimmertür zum zweitenmal, und noch ein kleiner Junge, ein Schulfreund von Bengel, schlich zur Küche. Kaum hatte er die Puddingschüssel erblickt, als er auch schon zum nächstbesten Löffel griff und – »Ich hasse naschhafte Kinder!« flüsterte der Pudding. Das Kind verschwand in der Schüssel. Nur der Löffel wurde in hohem Bogen wieder ausgespuckt, denn der Pudding fand seine grüne Farbe sehr sympathisch. »Entschuldige bitte«, sagte der Pudding zum Löffel und streckte sich bis zum Schüsselrand.
Die Mutter hatte die Nachbarin mit dem Telefon allein gelassen und schrie durch die geschlossene Kinderzimmertür, hinter der immer noch der Fernseher lief, der verdammte Bengel solle jetzt endlich den verdammten Mülleimer runterbringen, sonst …, dann stellte sie das Küchenradio an und wandte sich dem Abwasch zu. »… ein bißchen Frieden, ein bißchen …« Der Pudding flötete: »Ich hasse deutsche Schlager«. Er verschlang das Radio einschließlich der Verlängerungsschnur mit einem einzigen Happs, und als die Mutter in die einsetzende Stille »Scheißapparat!« fluchte, fügte er schnell hinzu: »– und Schimpfwörter«. Die Mutter verschwand, noch bevor sie sich umdrehen konnte. Mit einem wohligen Rülpsen schwappte der Pudding über den Rand der »Schüssel. Er hatte nun schon um einiges an Volumen zugenommen, und seine Laune war beträchtlich gestiegen. Er begann sich rhythmisch auseinander- und zusammenzuziehen, was nicht nur den Küchentisch, sondern auch die darüberhängenden Schrankteile in Schwingungen versetzte und einen Hagel von Tassen, Semmelbröseln, Kaffee, Biergläsern, Kakao und Gewürzen auf den Pudding niedergehen ließ. Der, ohne sich stören zu lassen, fraß alles in sich hinein und dehnte sich in Richtung Kühlschrank aus, wobei unterwegs eine halbvolle Teekanne, zwei leere Flaschen und der frische Kirschkuchen in seinem gefräßigen Schlund verschwanden. Um es kurz zu machen – an diesem Abend fielen dem Pudding noch die Nachbarin, der heimkehrende Vater und zwei Zeugen Jehovas zum Opfer. Danach schubste er die Kinderzimmertür auf, um dem Fernsehlärm ein Ende zu setzen.
Auf dem Bildschirm hielt gerade eine Persönlichkeit eine Rede. »Ich hasse herumseiernde Politiker!« rief der Pudding aus –
Von da an ist die Geschichte Geheime Verschlußsache. Es ist anzunehmen, daß sich der Verfassungsschutz mit dem Pudding befaßte, wenn nicht umgekehrt; Tatsachen wird man wohl weder in dem einen noch im anderen Fall erfahren.
Zum Schluß sei nochmals darauf hingewiesen, daß das Puddingrezept wirklich verschwunden ist und sich somit jegliche Anfragen, Bestechungs- und Erpressungsversuche erübrigen. Versuchen Sie es daher doch lieber mit einer zuverlässigen Schußwaffe.

