TERRAsse


Gundula Sell

Der Profi mit dem silbernen Schwert

[Der letzte Wunsch]Die Leute in einem Dorf am Rande der von Menschen bewohnten Welt besitzen ein uraltes Buch, in dem es Erläuterungen zu allen übernatürlichen Erscheinungen gibt. Eine Dorfhexe hat sie auswendig gelernt. Sie deklamiert eine Bildunterschrift: »Der Hexling. Von manchen Hexer genannt. Ist sehr gefährlich, ihn zu rufen, doch wohl nötig, denn so gegen Ungeheuer und Ungeziefer nichts hilft, so hilft der Hexling. Hab jedoch acht, daß du den Hexer nicht anrührst, denn magst davon die Krätze kriegen. … so auch der Hexer sehr gierig ist und nach dem Golde trachtet …« Geralt aus Rivien hat keine Lust, mehr davon zu hören, denn er ist selber Hexer. Diese seltene Spezies Mensch ist als Kind durch gräßliche Prozeduren gegangen, die die meisten der Anwärter umbringen. Diejenigen, die durchkommen, gewinnen übermenschliche Eigenschaften. Damit und mit allem, was sie von ihren Lehrmeistern lernen, bekämpfen sie in Sapkowskis wilder Welt die Ungeheuer.

Die Menschen dort arbeiten sich in die Wildnis hinein vor, versuchen, ihre primitive, mittelalterliche Zivilisation zu sichern, und haben dabei nicht nur die Feinde, die wir aus Geschichte und Gegenwart kennen, sondern auch noch die, völlig real, die der Aberglaube der Völker sich nur irgend ausdenken mag. Gegen solche bedrohlichen Wesen braucht man Hexer als beauftragte Kämpfer, die dann fast ebenso unwirklich und gefürchtet sind wie die Viecher, gegen die man sie schickt. Geralt hat keine Wahl, er ist zum Hexer gemacht worden, also zum Außenseiter, er muß seine Aufgabe erfüllen, er ist ein Profi in seinem Fach und hat sich vor Sentimentalitäten zu hüten. Geldgierig ist er nicht, er muß nur eben von seinem Beruf leben.

In den beiden Erzählungszyklen, die bei Heyne als Romane erschienen sind und die im Verlauf wirklich immer dichter zusammenwachsen, zeigt der Autor Szenen aus Geralts Arbeitswelt, also dem Kampf gegen das Böse. Ab und zu findet sich ein Gefährte ein, der weibstolle, alberne, geniale Sängerdichter Rittersporn, der manche Gefahren mit ihm teilt. Auch die legendäre Zauberin Yennefer von Vergerberg kreuzt immer wieder seinen Weg, die beiden sind einander verfallen, was man nicht bloß auf Magie zurückführen kann, sie sind sich in ihren Arten von Einsamkeit ähnlich und können darum auch nicht beieinander bleiben.

In den ersten Erzählungen kämpft Geralt tatsächlich gegen die verschiedensten Scheusale. Der Übersetzer Erik Simon (der harte, gründliche Arbeit geleistet hat, die vielen Stile und Motive wiederzugeben und dem Original entsprechend zu verknüpfen) lief wochenlang herum und suchte Ungeheuer, das heißt, ihre deutschen Namen. Werwölfe und Striegen, Mantikoras und Amphisbaenen, Drachen und Dryaden, Sirenen, Elfen, Basilisken und zahllose weitere bilden die Mythologie dieser phantastischen Lande und jagen den Menschen Angstschauer über den Rücken.

[Das Schwert der Vorsehung]Doch es gibt Weise, wie die Priesterin Nenneke, die begriffen haben, daß die größte Gefahr für die Zivilisation (auch) dortzulande die Menschen sind. Sie zerstören und bekämpfen, was ihnen fremd ist, zunächst aus Notwehr, aber dann auch, weil sie das einfach Fremde nicht aushalten, oder aus Gier und Aberglauben. Geralt, der als Einzelgänger notgedrungen Distanz zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten hat, begreift das und vermeidet, alle nichtmenschlichen Lebensformen von vornherein als Feinde zu sehen und an ihrer Ausrottung mitzuarbeiten. So wird er im Laufe der Bücher immer stärker zu einem Vermittler zwischen der menschlichen Gesellschaft und anderen vernunftbegabten Geschöpfen, die um ihr Überleben kämpfen. Gerade daraus entstehen immer tiefere Konflikte, aus denen er gerade noch von Fall zu Fall herauskommt, anhand derer aber der grundsätzliche Widerspruch dieser auf Kampf und Sieg gegründeten Welt aufscheint.

Geralt, der Einzelgänger, weiß nicht, ob er wirklich anders ist als andere Menschen, und wenn ja, ob das sein Schicksal ist oder seine Prägung durch sein so anderes Leben. Immer wieder scheut er die Bindung, aber schließlich entgeht er nicht der Verantwortung für eine elternlose, rotznasige, altkluge Prinzessin. Und obwohl er so ein Problem mehr hat, gewinnt er damit ein Stück Normalität. Mit dem Kunstgriff, einen Außenseiter zur Identifikationsfigur zu machen, zwingt der Autor seine Leser, über ihre eigene Rolle – und ihre Aufgabe – nachzudenken.

Gegen Schluß bedroht eine unbekannte Großmacht (von der Art der Wehrmacht, der Roten Armee oder der Goldenen Horde) alle miteinander kämpfenden Völker. Die letzte Erzählung, die auf eine Art Atempause in diesem Kampf endet, leitet hinüber zu den weiteren Bänden, in denen es vor allem um dieses gewaltige Ringen geht.

Doch Geralts Kampf ist immer konkret, seine Gegner sind wirkliche Feinde, nicht nur pappene Zielscheiben, seine Mitmenschen dichte, charaktervolle Personen in allen ihren Widersprüchen. Menschen sind das Unheimlichste und Gräßlichste, was einem begegnen kann, schlimmstenfalls im eigenen Ich. Die Bücher sind darum nicht nur spannend, sondern sie tun, was gute Literatur aller Genres tut, sie lassen einen auch nach der letzten Seite nicht mehr los. Manchmal neigt der Autor zu großen Worten und philosophisch gemeinten Einschüben, die aber gleich gekontert werden durch einen sprühenden Witz und durch Sorgfalt im Umgang mit bunt fabulierten Einzelheiten. Seine Ironie und sein Spiel mit Motiven – von Volksmärchen bis Shakespeare - schaffen eine haltbare Welt, die das Zeug für noch weitere Bücher hat.

Ja, manchmal gibt es Situationen, in denen ich mir wünsche, mit der Hand das Zeichen Aard oder das Zeichen Ignis machen zu können. Auch wenn ich genau weiß, daß das genausowenig reicht wie die sichere Handhabung eines silbernen Schwertes, um mit den Ungeheuern fertig zu werden, die täglich in die Bundesrepublik des Jahres 1999 hereinreichen.

Andrzej Sapkowski, »Der letzte Wunsch« und »Das Schwert der Vorsehung«, 368 und 448 S., Heyne-Fantasy

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