
Langsam kehrte Ruhe ein im Kongreßpalast. Die Pressekonferenz war beendet. Die Aufregung um den Weltmeister hatte sich etwas gelegt. Grosser kehrte in seine Kabine zurück.
Er war unzufrieden mit dem, was er erblickte. Wie üblich hatte er ein Chaos hinterlassen, wie es vollkommener nicht denkbar war. Aber immerhin: Er hatte den Trainer und all die anderen Aufdringlichen abwimmeln können und das war ein Erfolg, der den Anblick seines Konditionierungsraumes um einiges aufhob.
Er ließ sich in einen Sessel fallen und griff nach einer Flasche Bier: ein Genuß, den er sich nur selten gönnte; heute allerdings hatte er allen Grund dazu. Im Geiste vollzog er noch einmal die letzte Partie nach und erfreute sich daran. Nicht nur aus Eitelkeit, obwohl auch sie sicher eine Rolle spielte, sondern mehr aus der Freude an der schönen Kombination heraus. Er hatte mit den schwarzen Figuren ein Springerendspiel durch eine für alle verblüffende Wendung zu seinen Gunsten entscheiden können. Verblüffend auch für ihn selbst, einfach durch die Tatsache, daß der Gegner die geschickt aufgebaute Falle nicht bemerkt hatte.
Überhaupt, diese Springer. Schon immer hatten sie ihn fasziniert durch die Sonderstellung, die der Rösselsprung im Schachspiel einnahm. Später war ihm dann zwar klargeworden, daß es nicht nur das allein war, sondern überhaupt die Komplexität des Spiels, die Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten, die in ihm steckten. Doch die Springer hatten es ihm auch heute noch besonders angetan.
Der Großmeister nahm einen zweiten Schluck Bier und genoß die Ruhe, die es ihm ermöglichte, noch einmal verschiedene Spielsituationen vorbeiziehen zu lassen. Sein Kopf war fast kahl, sein Körper groß und massig, aber nicht fett. Er war fast fünfzig und hatte alles erreicht, was es auf seinem Gebiet zu erreichen gab. Doch selbst wenn er den Weltmeistertitel nicht hätte verteidigen können, dem Schachspiel wäre er treu geblieben. Es war sein Schicksal. So aber waren die unbegründeten Gerüchte über seinen Rücktritt vom Leistungssport wieder einmal vertagt worden.
Als er bei diesem Punkt seiner Gedanken angekommen war und gerade wieder nach seiner Bierflasche greifen wollte, um sie endgültig zu leeren, flog die Tür mit lautem Krachen auf und ein gerade noch junger Mann stürzte herein, in der Hand einen dicken Aktenordner, in der anderen eine flache quadratische Papiertasche.
Rot im Gesicht und keuchend, als wäre er sämtliche Treppen des Kongreßpalastes im Laufschritt entlanggehastet, rief er ohne sich vorzustellen: »Ich habe das Schachproblem gelöst!«
»Welches Schachproblem?« fragte Grosser. Er war anfangs erbost über die Störung, doch als das Wort »Schachproblem« fiel und offensichtlich wurde, daß der soeben Eingetretene kein Reporter, Autogrammjäger oder sonst irgendein Neugieriger war, beruhigte er sich wieder.
»Eben … das Problem des Schachspiels überhaupt!«
Grosser hob erstaunt die Brauen. »Und worin besteht das Ihrer Meinung nach?«
»Weiß gewinnt!« sprudelte der junge Mann hervor.
Der Großmeister, der sich halb von seinem Sitz erhoben hatte, ließ sich nun mit einem Schmunzeln wieder zurückfallen und genehmigte sich den letzten Schluck des Bieres, was durch das überraschende Eintreffen des anderen verzögert worden war, stellte die Flasche ab und setzte ein breites Grinsen auf. »Wenn Sie vorhin im Saal gewesen sind, junger Mann – wie heißen Sie überhaupt? -, dann werden Sie gesehen haben, daß ich die letzte Partie gewonnen habe. Und zwar mit den schwarzen Steinen.«
»Entschuldigen Sie. Thomas heiße ich. Gilbert Thomas. Aber – gewinnen konnten Sie vorhin nur deshalb, weil Ihr Gegner Fehler gemacht hat.«
Grosser grinste immer noch spöttisch. »Nun, das will ich nicht bestreiten.«
In den Augen des Jüngeren blitzte Triumph auf. »Er hätte diese Fehler aber vermeiden können!«
Das Lächeln aus Grossers Gesicht verschwand langsam. »Was wollen Sie damit sagen? Jeder macht Fehler.«
»Weiß muß gewinnen! In jedem Fall! Weiß eröffnet und hat damit einen Halbzug Vorsprung. Ein Vorsprung, der, setzen wir voraus, daß beide Parteien fehlerfrei spielen, nie wieder aufzuholen ist. Im Grunde ist das völlig simpel. Ich habe hier das Rechnerprogramm«, er warf die quadratische Tasche auf den Tisch, die einige Disketten enthielt, »und hier alle möglichen Partien.« Der Aktenordner, er enthielt einen etwa fünf Zentimeter starken Stapel Druckerpapier, landete ebenfalls auf dem Tisch.
»Alle möglichen? Sie machen Witze!« Grosser war dennoch während der kurzen Rede des anderen merklich blasser geworden.
»Alle diejenigen, die wirklich effektiv sind«, sagte Thomas, »das heißt, wo Fehler jeglicher Art bei beiden Parteien von vornherein eliminiert sind. Im Grunde ist das ganz einfach. Es gibt zwanzig Ausgangsvarianten, von denen aber ein Großteil von vornherein wegfällt, weil diese Züge zu einem sofortigen entscheidenden Übergewicht von Schwarz führen, also zu den vorhin genannten Fehlern zählen. Es bleiben wenige effektive Partien übrig« – Grosser faßte sich an die Brust und rang nach Atem, während der andere sprach -, »bei denen allesamt Weiß am Ende den Sieg davonträgt, eben wegen des Entwicklungsvorsprunges. Im Grunde könnte man das ganze Schachspiel auf eine Partie reduzieren, nämlich auf die effektivste, eine Variante der Sizilianischen Verteidigung; das ist nämlich diejenige, bei der sich Schwarz am längsten verteidigt, insgesamt zweihundertvierzehn Züge lang.«
Gilbert Thomas schwieg. Eine Zeitlang war er etwas verunsichert, da der Großmeister bleich und regungslos aus seinem Sessel zu ihm herüberstarrte. Dann aber schlug dieser die Augen nieder, deutete mit einer kraftlosen Geste auf die beiden Mitbringsel und sagte mit einer Stimme wie zerknitterndes Zeitungspapier: »Das haben Sie alles da drin?«
»Genau!«
Grosser hob die Lider wieder und blickte sein Gegenüber an. »Wissen Sie, was Sie getan haben?«
Sein Gegenüber war irritiert.
»Sie haben versucht, das Schachspiel umzubringen!«
Der Jüngere zuckte zurück und erwiderte mit empörter Stimme: »Ich habe es lediglich auf eine einfache Formel gebracht!«
»Sie haben versucht, das Schachspiel umzubringen«, wiederholte der Großmeister. Er schien über etwas nachzudenken. Sein Körper straffte sich und, er blickte dem anderen fest in die Augen.
»Wenn ich nun aber«, sagte er, »eine Partie mit einem Zug beginnen würde, den Sie zu den offensichtlichen Fehlern rechnen und eliminiert haben?«
Thomas erwiderte etwas verwundert: »Ich würde Sie in weniger als zweihundertvierzehn Zügen besiegen.«
Grosser verlor nun alle Starre und beugte seinen massigen Oberkörper vor, immer noch die Augen seines Gegenübers fixierend; dann sagte er leise und gedehnt, aber mit scharfer Stimme: »Sie?«
Der Jüngere begann sich offensichtlich unwohl zu fühlen. »Also … ich müßte das Programm befragen.«
»Spielen Sie selbst oft Schach?« klang es ebenso scharf.
»Von Zeit zu Zeit.«
»Und Sie verlieren oft?«
Gilbert Thomas nickte errötend.
»Aber hin und wieder haben Sie auch gewonnen?« fragte Grosser. Die Antwort war wiederum ein Nicken.
»Und was haben Sie dabei gespürt?«
»Ich habe … mich gefreut, natürlich …«
»Ah, also kennen Sie es …« Grosser fühlte sich auf einmal wie beim Schachspielen selbst, in einem beklemmend knappen Endspiel. Er hob die Stimme nur leicht, aber doch deutlich hörbar. »Sie kennen das Gefühl, das man hat. Jeder wirkliche Schauspieler legt Wert darauf, daß es seine Züge sind, die er auf dem Brett ausführt. Und keiner von ihnen wird sie sich von Ihrem Programm diktieren lassen wollen. Jeder will seinen eigenen Sieg erleben, nicht einen sich gesetzmäßig vollziehenden Prozeß. Sie selbst, Gilbert, kennen das vielleicht nicht gut genug, sonst wären Sie nie auf solch eine haarsträubende Idee gekommen. Mag sein, daß mancher sich für Ihr Programm interessieren wird. Mag sein, aber dann ist es nur reine Bequemlichkeit, geboren aus dem Mittelmaß. Und gerade das macht mir Angst. Wenn Sie etwas Gutes tun wollen, dann vernichten Sie dieses Programm, vernichten Sie es schnell. Es macht mir angst. Nicht etwa«, Grosser wehrte eine auffahrende Handbewegung Thomas' ab, »weil ich Angst um meinen Titel habe. Irgendwann werde ich ihn abgeben müssen, das ist mir klar. Ich habe Angst, daß wir die Freude am Denken verlieren werden, die Begeisterung angesichts einer schönen Kombination, die Ekstase einer plötzlichen Erkenntnis. Was wird aus uns, wenn wir das alles Programmen wie dem Ihren überlassen?« Er erhob sich aus dem Sessel und stand wie eine Barriere vor Thomas. Der fühlte sich auf einmal unendlich klein und sein Selbstbewußtsein schrumpfte immer mehr. All die Jahre – verloren? Für nichts als eine Illusion, der er nachgerannt war? Es schien so zu sein.
»Außerdem, Gilbert,« sagte Grosser, »glaube ich nicht, daß Ihr Programm perfekt ist.« Mit einer Handbewegung verscheuchte er alle Einwände seines Gegenübers, der schon wieder aufgesprungen war. »Widersprechen Sie mir nicht! Ich will nichts mehr hören! Ich muß mir selbst diese Hintertür lassen, denn selbst wenn Sie, wie ich hoffe, dieses Programm vernichten, hätte ich nie mehr die Freude am Schachspiel, die ich vorher daran hatte, weil ich ständig daran denken müßte, daß die Patentlösung in Ihrem Kopf existiert. Und ich hätte ständig die Vision eines Schachturniers, in dem alle Teilnehmer lediglich eine Variante der Sizilianischen Verteidigung nachvollziehen, die zweihundertvierzehn Züge lang ist und deren Ausgang von vornherein feststeht.« Grosser ließ sich in den Sessel zurückfallen. »Und nun gehen Sie! Tun Sie mit Ihrem Material, was Sie wollen, aber gehen Sie!«
Thomas erhob sich und streckte die Hand nach dem Ordner und den Disketten aus, vorsichtig, als glühten diese. Dann zog er sie wieder zurück und sagte: »Ich werde das hierlassen, verfahren Sie nach Ihrem Gutdünken damit.«
Grosser zuckte zusammen: »Nein! Nehmen Sie alles mit und verbrennen Sie es, aber lassen Sie es nicht hier! Ich könnte es nicht ertragen, es selbst zu tun. Das zu vernichten ist Ihre Aufgabe – wenn Sie es wirklich wollen.«
Thomas packte zögernd seine Sachen zusammen und ging. Er verließ das Zimmer viel leiser, als er es betreten hatte. Als er fort war, wurde es noch stiller. Im Lehnsessel thronte hinter einem Schachbrett ein großer Mann, ein großer alter Mann, der sich bemühte zu vergessen, daß er ein großer alter gebrochener Mann war.
