
Ralf P. Krämer: Die ersten Jahre
Erik Simon: Blütezeit und Fall des SLK
Bernd Hutschenreuther: Das Leben nach dem Tod
Die Vorgeschichte des Stanisław-Lem-Klubs begann Mitte der sechziger Jahre in meiner Heimatstadt Gera, als ich in der Arbeitsgemeinschaft Astronomie Monika Götze und Christine Taubert kennenlernte, die in Briefkontakt mit Carlos Rasch und anderen SF-Fans standen. Sie begeisterten mich für die Idee, einen SF-Klub zu gründen.
1967 nahm ich an der TU Dresden ein Physikstudium auf, und im März 1968 begann ich mit Wolfgang Siegmund, dem Berliner (Mit-)Herausgeber des Fanzines »Phantopia« (später »Nova Phantopia« bzw. »Futura«), und Karl-Heinz Lingoth, dem Leiter des Magdeburger Utopia-Clubs, zu korrespondieren. Beiden verdanke ich viele wichtige Anregungen, nicht zuletzt den Hinweis, mich beizeiten nach einem Träger der Klubarbeit umzusehen. Als Sammelbecken für kulturelle Aktivitäten von hochgeistiger Klassikpflege bis zu Philatelisten und Aquarianern bot sich dafür der Deutsche Kulturbund an. Von Wolfgang Siegmund erhielt ich eine Liste mit Dresdener SF-Fans, wovon zwei, Karl-Heinz Müller und Rainer Rühle, später der ersten Leitung angehören sollten. Bis dahin verging noch über ein Jahr mit zahlreichen Kontaktgesprächen mit Kulturbundgremien und der Suche nach potentiellen Mitgliedern. Mein damaliger Zimmerkollege Helmut Bock half mir dabei tatkräftig. So ergab es sich von selbst, daß das erste »Hauptquartier« des späteren SLK unser Zimmer 602 auf der F.-C.-Weiskopf-Str. 4 (= Budapester Str. 24) war und sich viele Mitglieder aus den dort wohnenden Studenten rekrutierten. Unser Treiben blieb nicht unbeobachtet: zwei Herren in Zivil erheischten Auskunft (und gaben sich zufrieden ob der Kontakte zum Kulturbund), und anonyme Briefe künden davon, daß sich auch die Exoterristen durch die Gründungsvorbereitungen gestört fühlten. Wir ließen uns von all dem nicht verdrießen, und am 5. 6. 1969 wurde die Interessengemeinschaft Wissenschaftlich-phantastische Literatur offiziell aus der Taufe gehoben und der Hochschulgruppe Dresden des Deutschen Kulturbundes angegliedert.
An der Gründungsversammlung, die wie viele folgende Klubveranstaltungen im »Klub der Intelligenz«, August-Bebel-Straße, stattfand, nahmen 14 Mitglieder und 9 Gäste teil, darunter die Sekretäre von Stadt- und Hochschulgruppenleitung des DKB, Michalek und Meister, sowie Eberhardt del' Antonio. Es wurde ein Arbeitsprogramm verabschiedet und eine Leitung gewählt.
Bis November 1971 veranstalteten wir einmal im Monat einen Klubabend, danach sogar zwei (außer in den Sommerferien). Es ist symptomatisch für unser Selbstverständnis in der Phase nach der Gründung und zugleich für die Intentionen des Kulturbundes, daß sich von 10 Klubabenden im ersten Jahr nur drei mit der SF-Literatur im eigentlichen Sinne beschäftigten, die restlichen sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben versuchten. Erinnern wir uns: Am Ende der Ulbricht-Ära standen Prognostik (als Gegenpol zu »bürgerlichen« Futurologie) und wissenschaftlich-technischer Fortschritt hoch im Kurs (man denke an die Losung »Überholen ohne einzuholen«). Ein verbreitetes Klima der Zukunftsgläubigkeit spiegelte sich nicht nur in der DDR-SF wider, sondern auch in vielen anderen Publikationen.
Zahlreiche briefliche und persönliche Kontakte zu einer Reihe von SF-Schriftstellern (außer den bereits genannten seien erwähnt: Gerhard Branstner, Gottfried Herold, Hubert Horstmann, Günther Krupkat, Curt Letsche, Karl-Heinz Tuschel, Heinz Vieweg, Wolf Weitbrecht, Herbert Ziergiebel – natürlich Stanisław Lem, außerdem Iwan Jefremow und die Gebrüder Strugazki), aber auch zu Literaturwissenschaftlern und Lektoren (Dr. Albrecht Börner, Jutta Janke, Ekkehard Redlin sowie im Klub Bernd Giesler und Karl-Ludwig Richter) beeinflußten in der Folgezeit unsere Anschauungen und damit das Arbeitsprogramm des SLK. Philosophische und naturwissenschaftlich-technische Spekulationen traten in den Hintergrund, die Aufmerksamkeit galt immer mehr der SF als Literatur, d. h. der Gestaltung des literarischen Konflikts und der Ästhetik der Sprache – was mit bestimmten Tendenzen im SF-Literaturbetrieb der DDR einherging, die wir auf unsere Weise befördern wollten. All dies beflügelte uns, selbst literarisch aktiv zu werden – ein Phänomen, das wohl jedes Fandom irgendwann erfaßt. Im Herbst 1970 wurde der erste Amateurwettbewerb ausgeschrieben – mit noch recht mäßigem Ergebnis. Dagegen war der zweite im darauffolgenden Jahr so erfolgreich, daß aus ihm und späteren Klubprojekten mehrere Geschichten 1976 in der Anthologie »Begegnung im Licht« gedruckt wurden und dadurch der SLK im 1987 erschienenen Autoren-Lexikon der DDR-SF mehrfach Erwähnung fand (für mich ein später Triumph nach dem unerquicklichen Ende des Klubs).
Die Chronologie durchbrechend, seien noch einige Episoden berichtet:
Wie kam es zum Namen Stanisław-Lem-Klub? Die offizielle Bezeichnung
war zu umständlich und in der Öffentlichkeit wenig werbewirksam.
Im Gespräch waren Utopia-Club und Jules-Verne-Klub, wurden aber verworfen.
Stanisław Lem kannten jedoch selbst viele Nicht-Fans. Als der Autor im
September 1970 die DDR besuchte, konnte er zwar leider nicht unserer Einladung
nach Dresden folgen. Immerhin erlaubte er aber unserem Klub, seinen Namen
zu tragen.
Eine besondere Affinität hatte der Klub nicht nur zur SF-Literatur, sondern auch zum Film. Helmut Bock und ich waren 1970 auf Honorarbasis als Gutachter für das DEFA Trickfilmstudio Dresden tätig und zerpflückten das Exposé des utopischen Puppentrickfilms »Alarm im Jahr 2330«, der daraufhin nie gedreht wurde. Von daher rührten unsere guten Beziehungen zur Dramaturgin Hedda Gehm, die später mit großem Engagement als einer der Juroren der Amateurwettbewerbe fungierte. Ein zweites Erlebnis mit dem Medium Film war die Bezirkspremiere des DEFA-Streifens »Eolomea« am 10. 11. 1972 im Rundkino. Obwohl außerhalb des Zeithorizonts meines Berichts, erwähne ich dieses Ereignis, weil es für mich ein persönlicher Höhepunkt war, allein vor ca. 1000 Menschen mit dem Mikrofon in der Hand nach Filmende die angereiste Delegation (Regisseur, Hauptdramaturg, ein Schauspieler) in freier Rede zu interviewen quasi mein letzter »großer« Auftritt im Lemklub.
Welche Wertschätzung der SLK anfänglich im Kulturbund genoß, mag verdeutlichen, daß ich für würdig befunden wurde, im Frühjahr 1970 für die Stadtverordnetenversammlung zu kandidieren (und natürlich auch mit ca. 99,8 % gewählt zu werden). Mein Abgeordnetenausweis öffnete uns in der Folgezeit manche Tür und half manchen Tisch in »guten« Lokalen zu reservieren, wenn wir Schriftstellerbesuch hatten.
Im übrigen nahm der SLK einiges an Vereinsmeierei vorweg, wie sie heute wieder üblich und wohl typisch deutsch ist. Wir hatten eigene Klubausweise, entworfen von Karl-Heinz König, »normale«, korrespondierende und fördernde Mitglieder (den Titel Ehrenmitglied verwehrte der Kulturbund mit Bezug auf sein Statut), eine eigene Satzung, Jahreshauptversammlungen und sogar – DDR-typisch – eine eigene Parteigruppe. Das Wichtigste aber: es hat Spaß gemacht und Erfahrungen vermittelt, die ich trotz aller Widrigkeiten am Ende nicht missen möchte …
Mitte 1971 hatte der SLK nicht nur mehr Mitglieder als bei seiner Gründung, sondern vor allem schon an die 15 Aktivisten, und etwa im April wurden für einzelne Themenbereiche Arbeitsgruppen, sogenannte »Aktivs«, gegründet, auf die im Herbst nach der Semesterpause auch die Leitungsstruktur des Klubs ausgerichtet wurde. Aus heutiger Sicht erscheinen diese Strukturen wohl allen Beteiligten ein wenig überdimensioniert, doch sie waren eine logische Konsequenz aus unserem missionarischen Eifer, der Phantastik und Science Fiction in der DDR zu mehr Ansehen und Geltung zu verhelfen, und sie begünstigten tatsächlich eine dynamische Expansion des Klubs und seiner Aktivitäten.
Daß sich die Militärakademie der NVA den Klub der Intelligenz aneignete und sich das Veranstaltungszentrum des SLK notgedrungen ins dichtbesiedelte Wohnheim Gagarinstraße 18 (in unmittelbarer Nähe der TU und der Verkehrshochschule) verlagerte, förderte ebenfalls den Zustrom von Besuchern, Mitgliedern und Mitarbeitern. Im Herbst 1972 hatte der Klub an die 120 Mitglieder, zur Veringerung von Karteileichen wurde für Neuaufnahmen ein Kandidatenstatus eingeführt, und eine eigene SED-Parteigruppe sorgte durch ihre bloße Existenz auf dem Papier für obrigkeitliches Wohlwollen (meines Wissens ist sie bis zum Beginn der Krohn/SLK-Affäre nie in irgend einer Weise aktiv geworden).
Die Themenbereiche der Aktivs hatten sich bald so umsortiert, daß sie der Interessenlage ihrer Mitarbeiter entsprachen. Mangels Masse innerhalb der DDR-SF führte das Aktiv »Film/Funk/Fernsehen« ein Schattendasein, und das für Malerei lieferte vor allem Plakate für die vom Organisations-Aktiv technisch vorbereiteten Veranstaltungen – bis zu drei pro Monat (eine öffentliche im Wohnheim, eine klubinterne und eine, mit der wir in andere Wohnheime, Klubs oder Bibliotheken missionieren gingen). Veranstaltungshöhepunkte waren Lesungen mit DDR-Schriftstellern und Vorträge zur Paläoastronautik; legendär geworden sind Günther Krupkats Dia-Vortrag über die Terrasse von Baalbek, wo ich in einem brechend überfüllten Raum zusammen mit zwei anderen Fans auf einem Fensterbrett stand (innen), und eine Veranstaltung zur Däniken-Thematik im Dezember 72, wo wir von etwa zweihundert Besuchern die Hälfte wieder nach Hause schicken mußten. Außerdem gab es z. B. weitere Vorträge über Sachthemen, die Autorenporträts, in denen das Werk ausländischer SF-Schriftsteller (u. a. Bradbury, Clarke, Lem, die Strugazkis) vorgestellt wurde, und Lesungen eigener SF-Geschichten.
Inhaltliche Zuarbeit zu den Veranstaltungen kam vom Aktiv für ausländische Phantastik und SF-Theorie (die ebenfalls fast nur in ausländischen Publikationen greifbar war) und dem Aktiv »DDR-Phantastik«, wo sich die Amateurautoren des SLK versammelt hatten. Das von Rolf Krohn geleitete DDR-Aktiv organisierte vor allem eine Sammlung von Geschichten, die alle eine allgemein anerkannte Tatsache ins Gegenteil verkehren und mit dem Wort »Bekanntlich« beginnen sollten (woran man die in »Begegnung im Licht« abgedruckten erkennt); auch über andere von uns verfaßte Geschichten diskutierten wir. Mein Auslands-Aktiv fertigte Übersetzungen ausländischer SF-Stories an, die zu thematischen Anthologien zusammengefaßt wurden und zusammen mit den Amateurstories als Manuskriptmappen gefragte Objekte der Klubbibliothek waren.
Das Korrespondenz-Aktiv hielt den Kontakt zu Schriftstellern, Verlagslektoren, einzelnen aktiven Fans in der DDR und den anderen SF-Klubs. Der neben dem SLK wichtigste, weniger mitgliederstarke, aber sehr aktive befand sich in Halle; er hatte dem Kulturbund sogar die Erlaubnis abgerungen, zweimonatlich ein hektographiertes Fanzine herauszubringen (was Privatleuten in der DDR verboten war) und fungierte daher als Informationszentrum des DDR-Fandoms. Aktive Kontakte bestanden auch zum Klub in Falkensee und dem 1972 gegründeten Phantopia-Klub in Ilmenau; einige andere Klubs scheinen Einmann-Betriebe oder überhaupt Phantome gewesen zu sein. Der DDR-weit geplante dritte Amateurwettbewerb des SLK fiel dem Zusammenbruch des Klubs ebenso zum Opfer wie das Projekt eines Dresdner Fanzines, von dem es nur eine für das Genehmigungsverfahren hergestellte Probenummer gibt.
In der Leitung des Klubs gab es einen inneren Kreis, der untereinander auch westliche SF auslieh und sogar ganze Bücher abtippte. Doch nicht das war der Grund für die im Herbst 1972 einsetzende Lem-Klub-Affäre, die zunächst nur eine Affäre Krohn war. Rolf, einer der Aktivisten unseres Klubs, hatte sich – vielleicht durch unbequeme Fragen im Seminar für Marxismus-Leninismus – den Haß von Dr. Edith Franke zugezogen, die an der TU Dresden Parteisekretärin der Sektion Physik war, wo besonders viele SLK-Mitglieder studierten. Die Frau betrieb vehement seine Exmatrikulation, und erst, als man partout nicht genug andere Gründe dafür zusammenkratzen konnte, fiel der Blick auf die im SLK verfaßten Amateurgeschichten, vor allem Rolfs, in die »antisozialistische« Tendenzen hineininterpretiert wurden. Wohlgemerkt: Weder diese Texte noch sonst irgend welche Aktivitäten des Klubs waren damals gegen den Sozialismus gerichtet, nicht einmal gegen seine merkwürdigen Erscheinungsformen in der DDR; die ganze Affäre Krohn ist nur als Privatfehde von Dr. Franke erklärlich, vielleicht auch als Mittel, durch Entlarvung eines »Klassenfeindes« ihre Karriere zu fördern. (Wenn ich recht informiert bin, brachte sie es so zur Parteisekretärin der gesamten TU Dresden.) Als das Disziplinarverfahren gegen Krohn mit der Höchststrafe (lebenslangem Ausschluß vom Studium an allen Hoch- und Fachschulen der DDR) endete, war sie es zufrieden.
Nun glaubten aber im Kulturbund einige Leute, schon um der eigenen weißen Weste willen ihrerseits politische Wachsamkeit beweisen zu müssen, und starteten eine zweite Hexenjagd, an der sich bald auch Funktionäre der Sektion Physik beteiligten und die dazu führte, daß alle Aktivitäten des SLK bis auf weiteres untersagt, viele aktive Mitglieder (vor allem Studenten der Sektion Physik) zum Austritt genötigt und gegen einige zusätzlich Partei- oder, soweit sie keine SED-Mitglieder waren, Disziplinarstrafen ausgesprochen wurden. (Ich selbst kam mit einer schriftlichen Rüge des Sektionsdirektors davon – der übrigens wenig später von einer Reise nach München nicht zurückkehrte – und wohl auch mit schlechteren Karten bei der Zuweisung einer Arbeitsstelle im Jahre 1973, die bald wieder aufzugeben mir nicht schwer fiel.) Sowohl an der TU Dresden als auch in der Leitung der Hochschulgruppe des Kulturbundes versuchten einige Leute, mäßigend einzuwirken, sie unterlagen aber den ScharfmacherInnen. In der Hochschulgruppe tat sich bei der Zerschlagung des SLK eine gewisse Frau Dr. Herkt hervor, deren bis ins Groteske böswilliger und dummer Argumentationsweise ich eine auf lange Sicht heilsame Desillusionierung verdanke.
Die meisten Schriftsteller, zu denen der SLK Kontakt hatte, waren über die Zerschlagung des Klubs befremdet bis entsetzt (Dr. Branstner z. B. bezeichnete mir gegenüber die Vorgänge sinngemäß als nur in dumpfer Provinzialität denkbar), und Ekkehard Redlin vom Verlag Das Neue Berlin nahm ganz bewußt Erzählungen von Rolf Krohn und mir in die erste DDR-SF-Anthologie »Der Mann vom Anti« auf, darunter Rolfs »Cora« (der allen Ernstes vorgeworfen worden war, der Autor setze damit »unsere werktätigen Frauen in der DDR« mit Robotern gleich); wenig später stammte in Helmut Fickelscherers Anthologie »Begegnung im Licht« fast die Hälfte der Texte von SLK-Autoren. Da war ich schon Lektor beim Neuen Berlin geworden; die Folgen der SLK-Affäre haben paradoxerweise begünstigt, daß Rolf Krohn und ich, wegen literarischer Tätigkeit von Leuten ohne jede Spur von Literaturverständnis gemaßregelt, für lange Zeit einen Literatur-Beruf als Autor bzw. Lektor ergriffen, schneller wahrscheinlich, als wenn wir an irgend einem Institut mit Physik befaßt gewesen wären.
Den Stanisław-Lem-Klub hatte ich bei einer Veranstaltung im Jugendklub für Kunst und Literatur kennengelernt, dessen Mitglied ich war. Diese Veranstaltung hatte mich fasziniert, und so wurde ich Mitglied (genauer gesagt, »Kandidat«) im Stanisław-Lem-Klub. Der Lem-Klub stand damals auf dem Höhepunkt seiner Popularität und seines Wirkens und war auch außerhalb der Technischen Universität bekannt. Aber schon kurz nach meinem Eintritt wurde ich durch die Schließung des Lem-Klubs im Februar 1973 geschockt. Über die Hintergründe der Schließung war nichts Genaues zu erfahren, dafür gab verschiedene Gerüchte.
Zufrieden war ich mit dieser Situation nicht. So freute ich mich sehr, als ich erfuhr, daß der SLK wieder existieren würde. Im Oktober 1973 gründete sich der Stanisław-Lem-Klub neu, weiterhin als IG (Interessengemeinschaft) des Kulturbundes. Als neuer Vorsitzender des Klubs wurde vom Kulturbund Dr. Alder ins Spiel gebracht, der als u. a. mit sowjetischer Phantastik befaßter Dozent an der Pädagogischen Hochschule wohl nach außen hin für Zuverlässigkeit bürgen sollte.
Von den früheren Mitgliedern waren aber fast keine mehr dabei. Einige hatten wohl nun Angst, sich wieder in diesem Klub zu betätigen, anderen erschien der »neue« Klub als unter Kontrolle stehend suspekt. Die Leitungen der Sektionen der Technischen Universität reagierten auf die Neugründung des Stanisław-Lem-Klubs sehr unterschiedlich. Das reichte vom Verbot der Mitgliedschaft bis zur aktiven Hilfe in praktischen Fragen.
Der Klub begann jedenfalls wieder, aktiv zu arbeiten, und er erzielte dabei auch anfänglich Erfolge. Er fand ein neues Domizil in den Räumen der Hochschulgruppe des Kulturbundes, einer Baracke auf der Nürnberger Straße. Monatlich trafen wir uns (mindestens) einmal, bis zum Ende des Klubs.
Sehr unterschiedliche Veranstaltungen fanden statt, die zum Teil an frühere Traditionen anknüpften, z. B. Klubtreffen, Filmdiskussionen, Vorträge über das Genre und Diskussionen in Seminargruppen. Bekannte Schriftsteller der DDR kamen zu Lesungen (z. B. Gerhard Branstner, Günther Krupkat). Besonders in Erinnerung blieben mir eine Aufführung des Filmes »Der Wilde Planet« (in Originalfassung) und Veranstaltungen zu den Büchern »Die Ohnmacht der Allmächtigen« von Heiner Rank, »Sonderbare Begegnungen« von Anna Seghers und zu »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury. Die Klubveranstaltungen wurden regelmäßig in den Einladungen der Hochschulgruppe des Kulturbundes angekündigt.
Die Klubbibliothek wurde weiterhin gepflegt. Besonderes Verdienst daran hatte Frank Bönsch. Die Bibliothek umfaßte neben eigenen Klubanthologien und Autographen praktisch alle bis dahin in der DDR erschienenen Werke der SF. Sie blieb nach der Auflösung des SLK in den Räumen der Hochschulgruppe des Kulturbundes; was weiter mit ihr geschah, ist uns unbekannt.
Auch Verbindungen zu anderen Klubs wurden aufrechterhalten: mit dem Klub Phantopia in Ilmenau, der auch heute noch existiert, und kurzzeitig zu einem Science-Fiction-Klub in Freiberg. Sehr gute Beziehungen bestanden zum »Jugendklub für Kunst und Literatur« an der Stadt-und Bezirksbibliothek in Dresden, mit dem es mehrfach gemeinsame Veranstaltungen gab. Unter anderem führten wir dort als Lesetheater Ausschnitte aus »Die Anstalt des Dr. Vliperdius« (aus Lems »Sterntagebüchern«) auf.
Der SLK war nun ein gebranntes Kind. Er versuchte zu beweisen, daß die Schließung unbegründet gewesen sei. Das zeigt sich auch in den vorliegenden Dokumenten. Der »Arbeitsplan des Stanisław-Lem-Klubs« nennt u. a. als »Hauptaufgaben« (Sprachstil der siebziger Jahre nach dem VIII. Parteitag der SED):
Diese Aufgaben zeigen deutlich und sollten wohl auch zeigen, daß der Klub keinesfalls gegen die DDR und gegen den Sozialismus war, sich im Gegenteil dafür einsetzte. Dabei waren sie genügend abstrakt, um innerhalb dieses Rahmens auch niveauvolle Veranstaltungen durchführen zu können.
Die besondere Ironie der Situation bestand darin, daß eine literarische Gattung mit einer philosophischen verwechselt wurde, die wissenschaftliche Phantastik bzw. Science Fiction wurde von der damaligen Gesellschaftswissenschaft als Konkurrenz aufgefaßt, als reaktionäre bürgerliche Theorie über die Zukunft, und deshalb bekämpft. Das gipfelte in der Aussage, alle Utopie seit Marx und Engels sei reaktionär, die schließlich auch praktische Wirkung zeigte. Der Klub stieß auf Mißtrauen. So mußten am Ende alle Klubveranstaltungen inhaltlich vorher angemeldet, Einladungsplakate vor dem Aushang von der FDJ-Kreisleitung der Technischen Universität genehmigt werden, bürokratische Hindernisse wurden errichtet. Trotzdem war und blieb der Lem-Klub weiterhin bekannt.
Sehr eigentümlich mutet aus heutiger Sicht ein Diskussionsabend im Mai 75 »Wie tragfähig sind heutige Vorstellungen von der Zukunft« an, unter dessen Teilnehmern der Förderer des SLK Prof. Sonnemann und die Initiatorin seiner Zerschlagung Dr. Franke erscheinen; leider sind keine Informationen über Stattfinden und Verlauf der Veranstaltung mehr greifbar.
Die Erfolge des »alten« SLK wurden nicht mehr erreicht. Der Versuch der Auferstehung schlug fehl, der SLK entwickelte sich durch ständigen Mitgliederschwund zu einem »Zombie«-KIub, der zum Schluß noch vier Mitglieder hatte (davon 3 Leitungsmitglieder) und sich schließlich Ende März 1977 selbst auflöste.
Erst Anfang der achtziger Jahre entstand wieder ein Science-Fiction-Klub an der TU Dresden, der allerdings beim Kulturbund unter der Flagge einer allgemeinen Literatur-AG mitsegelte und sich organisatorisch vor allem auf den Studentenklub des Wohnheims Gagarinstraße 12 stützte. (Noch Ende der achtziger Jahre wurde diesem Klub auf Betreiben von Frau Dr. Franke verboten, den Schriftsteller Rolf Krohn zu einer Lesung einzuladen.) Und seit der Wendezeit gibt es in der Förstereistraße die Science-Fiction-Buchhandlung von Michael Stöhr und wieder regelmäßige Fantreffen, einschließlich der bekannten Förstercons, zu denen sich auch frühere SLK-Mitglieder einfinden.
Nachtrag: Aus dem Klub bei Michael Stöhr entstand der SF-Klub TERRAsse im Stadtverband der Dresdner Urania.
2. Nachtrag: Michael Stöhr ist umgezogen und wohnt jetzt in der
Großen Meißner Str. 14
01097 Dresden, Tel. 0351/8024183
Berühmt sind jetzt seine Brühnudelabende mit Freunden der
SF und Fantasy. Oft kann man ihn auch in der "Schildkröte", einem
Spezialgeschäft für Fantasy und SF, treffen.
3. Nachtrag: Die "Bekanntlich"-Anthologie des Stanisław-Lem-Klubs ist nunmehr erschienen. (Nähere Auskunft bei Bernd, Adresse siehe unten.)
