Holger Kunadt
Spezielle Voraussetzungen
Sehen Sie, es gibt doch noch Menschen, die sich irgendwann einmal ihre Kindheitsträume erfüllen können. Wenn auch mehr oder weniger durch Zufall.
Sie sind auf diesem Flug der einzige Passagier, deshalb erzähle ich Ihnen die ganze Geschichte einmal. Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde heute hier wahrscheinlich nicht eingreifen müssen. Das ist der ruhigste Raumsektor, den es in unserem Sonnensystem überhaupt gibt. Die Kometenbahnen sind alle erfaßt und die wenigen Meteoriten, die es hier früher vielleicht gegeben hat, sind von den Patrouillen schon lange aus dem Orbit gefegt worden. Man könnte fast sagen, es ist langweilig. Da steuert der Computer das Raumschiff, Sie brauchen also wirklich nichts zu befürchten.
Sehen Sie, schon als kleiner Junge wollte ich Raumschiffpilot werden. Aber was man als Kind an Wünschen äußert, wird von Eltern und Pädagogen meist mit einem nachsichtigen Lächeln weggesteckt. Und jedes zweite Kind möchte schließlich irgendwann einmal ein Raumschiff fliegen. Kurz gesagt hielt jeder meine Träume für eine normale Entwicklungsphase, die früher oder später von selbst vorübergehen würde. Ohnehin hatten meine Eltern nie etwas für Raumschiffe oder Technik übriggehabt. Dafür waren sie geradezu versessen auf Musik. Ihnen war klar, daß aus mir ein Künstler werden mußte. Mit fünf bekam ich mein erstes Piano. Und dann durfte ich fleißig üben, zuerst Kinderlieder, später Etüden, Sonaten. Natürlich hatten meine Eltern auch eine Musikschule für mich ausgesucht, nicht die billigste, nein es mußte schon Canelli sein. Und ich war sein Meisterschüler, der alte Canelli behauptete, ich wäre sogar noch besser als sein Sohn Ricardo.
Zehn Jahre lang spielte ich täglich mindestens sechs Stunden Klavier. Schauen Sie sich meine Hände an! Sie sind dadurch sehr grazil geworden und meine Finger sind endlos lang. Die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger beträgt dreißig Zentimeter! Ich hätte vielleicht wirklich ein guter Pianist werden können. Aber auch mit sechzehn wollte ich noch Pilot werden und vom Klavier spielen hatte ich gelinde gesagt die Nase voll. Ich bewarb mich an der Kadettenschule, und weil ich ein wirklich phantastisches Zeugnis hatte, wurde ich tatsächlich genommen.
Die Eltern waren entsetzt und warfen mir empört vor, daß sie sich zehn Jahre lang umsonst für mich abgequält hatten. Dabei war es umgekehrt: Ich habe mich abquälen müssen! Nun, am Ende mußten sie sich mit meiner Entscheidung abfinden. Und schließlich hatte meine ältere Schwester inzwischen einen Sohn, also stürzten sie sich mit Feuereifer auf dessen musische Erziehung. Mit meiner Familie habe ich keinen Kontakt mehr, ich kann nur hoffen, daß meine Schwester kaltblütig genug war, um den Kleinen vor dem Schlimmsten zu bewahren.
Ich studierte drei Jahre lang die Grundlagen der Raketentechnik und Astronavigation und dazu auch noch eine Menge überflüssiger Dinge, die ich inzwischen alle wieder vergessen habe. Dennoch: Ich war der glücklichste Mensch in der Galaxis! Bis dann der erste praktische Ausbildungstag kam. Da brachen alle meine Träume zusammen. Und schuld daran sind die Skaphander: Meine Hände paßten nicht in die Handschuhe dieser Schutzanzüge. Die Finger waren drei Zentimeter zu lang. Was habe ich nicht alles versucht, meine Finger mit den schmerzhaftesten Verrenkungen gemartert, es nützte nichts. Es ging einfach nicht!
Diese Skaphander werden in Kleinserie gefertigt, völlig automatisch. Jeder von ihnen kostet ein paar Hunderttausende. Die ganze Produktion umzustellen nur für einen einzigen Skaphander, dessen Handschuhe längere Finger hatten, war nicht vertretbar. Und wenn man einen Bastler damit beauftragt hätte, einen Anzug nachträglich umzubauen, wäre das Sicherheitsrisiko zu hoch gewesen. Aber immerhin wurde zusätzlich zu körperlichem und geistigem Zustand, Abschlußzeugnis, Kinderkrankheiten, Konfektionsgröße und Hunderten anderer Daten auch noch die Fingerlänge in den Aufnahmefragebogen der Kadettenschule aufgenommen.
Mir nützte das jedoch nichts mehr. Meine Zukunft lag in Scherben. Ich tat das Naheliegendste und meldete mich zum Bodendienst, studierte noch einmal drei Jahre und wurde Dispatcher. Ich hatte geglaubt, daß es mich trösten würde, wenn ich wenigstens in der Nähe meines Traums bliebe. Aber es trat genau das Gegenteil ein. Wissen Sie, was das für ein Gefühl ist, wenn sich die ehemaligen Kommilitonen nach dem Erdurlaub bei einem melden und dann wieder abfliegen, und man selber bleibt da unten?
Als ich dann hörte, daß Ricardo Canelli inzwischen den Schubert-Preis gewonnen hatte und ein gefragter Pianist geworden war, kamen mir manchmal Zweifel, ob ich nicht doch besser beim Klavierspiel geblieben wäre. Schließlich war ich ja früher einmal der Bessere von uns beiden gewesen. Und das alles hatte ich aufgegeben für einen Dispatchersessel!
Wie es kommt, daß ich nun trotzdem hier in der Pilotenkabine sitze? Nun, das ist eine ganz einfache Geschichte. Nur ein bißchen schwer zu verstehen.
Das begann, als der erste Raumliner einer neuen Serie gebaut wurde, ebendie FUNDAMENT, mit der wir jetzt zum Pluto fliegen. Als er nämlich fertig war, stellte sich heraus, daß kein Pilot ihn steuern konnte. Es gibt nämlich auf Raumflügen Situationen, in denen mit Hand gesteuert werden muß, um zum Beispiel bei einer Havarie das Sicherheitskonzept des Bordcomputers umgehen zu können. Dazu umfaßt der Pilot mit der linken Hand den Beschleunigungshebel und mit der Rechten muß er die verschiedensten Sensoren betätigen, manchmal vier zu gleicher Zeit: Den Computer vom Triebwerk trennen, dem Rechner ein autonomes Kursprogramm abfordern und noch einige andere lebenswichtige Sachen. Das Problem aber war: Diese Sensoren lagen viel zu weit auseinander, noch dazu waren einige horizontal und andere vertikal angeordnet. Sehen Sie hier das Schaltpult? Darunter verbirgt sich ein strukturierter Halbleiterkristall, der eigens für dieses Schiff gezüchtet wurde. Will man also die Sensoren an eine andere Stelle haben, muß man extra einen neuen Kristall heranziehen, denn eine elektrische Adapterkupplung hat sich als unzuverlässig erwiesen. Und diese Züchtung dauert ein paar Jährchen und kostet ein paar Millionen.
Einige Dutzend Ingenieure haben versucht, mechanische Hilfskonstruktionen zu erfinden, die aber alle in der Praxis versagt haben, zum einen, weil die Richtung der Schwerkraft bei Beschleunigung hier ständig wechselt, zum anderen, weil die Vielfalt der eventuell notwendigen Schaltungsvarianten einfach zu groß ist.
Man versuchte es auch mit einem Fußpedal anstelle des Beschleunigungshebels. Damit hätte der Pilot beide Hände frei zur Bedienung des Pults. Als das zum ersten Male getestet wurde, hätte es beinahe eine Katastrophe gegeben. Wissen Sie, was Feedback ist? Stellen Sie sich vor: Der Pilot beschleunigt. Durch die Beschleunigung wird aber sein Fuß stärker auf das Pedal gedrückt, was wiederum eine höhere Beschleunigung zur Folge hat. Das schaukelt sich auf bis ins Unermeßliche. Unser Testpilot war ein athletischer Kerl, er hat den Fuß unter Aufbietung aller Kräfte von dem Pedal heruntergezerrt. Aber er hatte beide Hände auf dem Pult liegen - eine äußerst ungünstige Stellung bei fünfzehn g. Das Ergebnis für ihn: zwei Armbrüche und ein bleibender Wirbelsäulenschaden. Immerhin bekommt er eine ansehnliche Rente.
Und dann kam jemand auf mich. Es war einer meiner ehemaligen Ausbilder. Wegen seiner mangelnden pädagogischen Qualifikation mußte er damals von der Schule und wurde später Personaldirektor bei der Raumflotte. Und er erinnerte sich an die Umstände, weswegen ich damals nicht Pilot werden konnte.
Gegen die Millionen, die der Raumschiffumbau kosten würde, waren ein paar Hunderttausend für einen Spezialskaphander ein Klacks.
Meine Finger sind, wie gesagt, sehr lang; so schaffte ich es, diese verrückte Konstruktion hier in der Pilotenkanzel zu bedienen. Ich beendete meine Pilotenausbildung im Kurzdurchlauf und kam auf dieses Schiff. Und erfüllte mir meinen Kindheitstraum. Und wären nicht meine musikbesessenen Eltern gewesen, vielleicht hätte nie jemand den Zusammenhang erkannt zwischen dem Klavierspiel und der grazilen Länge und Gelenkigkeit der Finger. Und dieses wunderschöne Raumschiff rostete irgendwo vor sich hin.
Ach, da kommt ja auch meine Schichtablösung! Darf ich Ihnen vorstellen, das ist Ricardo Canelli. Ja, genau, der weltberühmte Pianist! Er hat zwar eine verdammt miese Laune, weil er für den Dienst hier eingezogen wurde, aber es gehört eben jeder dorthin, wo er gebraucht wird. Und schließlich muß ja auch ich irgendwann einmal schlafen!

