TERRAsse


Beate Balzer

Der Straßenbahnfahrschein, die Plastikgabel, der angebissene Pfefferkuchenmann und das Evangelium der Schneeflocke

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Papierkorb vor dem Dresdner Hauptbahnhof zu leeren vergessen worden war, obschon er überquoll, dieweil er nämlich zwischen zwei Imbißbuden stand.

Es war am Weihnachtsabend, und jedermann ging, daß er sich bescheren ließe, ein jeglicher zu seinem Gabentisch. Da machte sich auch auf Herr Meyer, aus dem Stadtteil Zschertnitz, in den Stadtteil Gorbitz, darum daß er dort zwei gefräßige Enkel und eine verwitwete Schwiegertochter besaß, auf daß er ihre Mäuler stopfe undsoweiter.

Und als er an dem bewußten Papierkorb zwischen den zwei bewußten Imbißbuden vorbeikam, fiel ihm ein, daß sich in seiner Manteltasche noch ein entwerteter Straßenbahnfahrschein befand, und er ließ diesen geschickt in eine Lücke zwischen einer zerbeulten Bierbüchse und einer vertrockneten Bananenschale gleiten, worauf er von dannen zog.

Der entwertete Straßenbahnfahrschein aber, ohnehin enttäuscht und zerknittert, weil er, aus gutem Papier bestehend und für einen teuren Preis erstanden, nur für ganze fünf Minuten Fahrt hatte dienen dürfen, fühlte sich in den Abgrund gestoßen und weinte bitterlich.

Es waren aber zu derselben Zeit in demselben Papierkorb noch eine Plastikgabel mit drei Zinken, ein Schneidezahn sowie ein angebissener Pfefferkuchenmann, der war von der Plastikgabel dreimal vergewaltigt worden und darum schwanger. Und als der Straßenbahnfahrschein zu ihnen stieß, kam die Zeit, daß der Pfefferkuchenmann gebären sollte. Und er gebar einen silbernen Zahnstocher und wickelte ihn in eine halbe, ketchupfleckige Papierserviette und legte ihn in eine Colabüchse. Und der Schneidezahn und der Straßenbahnfahrschein waren Zeugen.

Und es waren zu derselben Zeit bei Frau Holle drei Knusperhexen zu Gast, die da hießen Kuchenzahn, Knabberschmatz und Schlabberschlürf, die hatten gar feine Kuchen, Brezeln und Pfefferkuchen mitgebracht und saßen nun mit Frau Holle am Kaffeetisch und machten ein Schwätzchen. Da aber der Frau Holle die Kaffeesahne ausgegangen war, hatte sie aus der Tiefkühltruhe die letzte Packung Schnee vom vorigen Jahr nehmen müssen. Und dieweil sie und die Knusperhexen so saßen und knabberten und schlabberten und plapperten, wurde die Tüte mit dem letzten Schnee immer kleiner und kleiner, bis Frau Holle plötzlich aufsprang und rief: »Der Schnee ist ja fast alle! - Aber fürchtet euch nicht, ich werde die Flocken gerecht aufteilen, denn schließlich ist heute Weihnachten!« Und sie nahm ihr großes Sieb, schüttete den Rest aus der Tüte hinein und trat auf den Balkon, wo sie das Sieb heftig schüttelte. Und die Schneeflocken verständigten sich untereinander und rechneten aus, daß in jede Stadt und jedes Dorf nicht mehr als eine Schneeflocke fallen dürfe.

Und so geschah es, daß auf die Stadt Dresden eine Schneeflocke niedersank, nicht einmal eine besonders große, vielmehr eine ganz gewöhnliche Schneeflocke, die sich in ihrer Eitelkeit den dunkelsten Fleck der Stadt aussuchte, um nur ja recht aufzufallen, und so steuerte sie den Hauptbahnhof an. Es begab sich aber gerade in diesem Moment, daß ein Lausejunge, der vor dem Weihnachtsmann ausgerückt war, vor dem Bahnhof eine Portion Pommes vertilgt hatte und sich anschickte, den Pappteller und die dreizinkige Plastikgabel in die Gegend zu werfen. Da erblickte er die kleine weiße Schneeflocke und eilte hinzu, sie zu fangen und ihr schlimme Dinge anzutun.

Die Schneeflocke sank langsam auf den Papierkorb zwischen den zwei Imbißbuden zu, als sie plötzlich inmitten des Abfalls ein silbernes Schimmern zu sehen glaubte und vor Freude gar wunderbar zu leuchten begann. »Faß mich nicht an!« sprach sie zu dem Lausejungen, der schon die Hand nach ihr ausstreckte. »Denn siehe, ich verkündige dir ein großes Wunder, daß allem Volke widerfahren ist. Denn in diesem Papierkorb ist ei-« Da hatte der Lausejunge sie ergriffen, und sie zerschmolz augenblicklich zwischen Daumen und Zeigefinger, ohne ihre Botschaft zu Ende sprechen zu können. Der Lausejunge aber tippte sich an die Stirn und zog seiner Wege.


Und nach drei Tagen, am siebenundzwanzigsten Dezember, waren die drei Knusperhexen gesättigt und verabschiedeten sich mit vielen Segenswünschen von Frau Holle. Schlecht gelaunt war nur die Knusperhexe Knabberschmatz, die ihren silbernen Zahnstocher vermißte, während Schlabberschlürf zufrieden in ihren Bart grinste, denn sie hatte denselben Zahnstocher in einen alten Pfefferkuchenmann vom vorvorigen Jahr gehext, um in Übung zu bleiben und Knabberschmatz zu ärgern.

Und am selben Tag entdeckte auch die Stadtreinigung den vergessenen Papierkorb am Dresdner Hauptbahnhof und leerte ihn, wie es sich gehörte.



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