TERRAsse


Marco Fajardo

Welten zur Wahl

Er starrte den silbernen See an, wollte den Grund erkennen, ihn erfassen. Sein nackter Körper ragte wie ein Turm aus der üppigen Wiese hervor, die Grashalme berührten und reizten sein Glied. Die Äste der Bäume beugten sich respektvoll vor ihm über das ruhige, klare Wasser und es war Schweigen. Nichts außer dem Wind und dem Wasser regte sich, nichts außer ihnen lebte. Und doch wollte er das Beben auf dem Grund des Sees hören, das Beben, das es nicht gab. Er fühlte die Begierde, in das Wasser zu springen und sich von Gischt umhüllen zu lassen. Die Wellen leckten an seinen Füßen und schienen ihn hineinziehen zu wollen. Sein Gewissen schwankte zwischen Sprung und Hierbleiben. »Tu es nicht«, flüsterte der Wind durch die Blätter der Birken. »Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage«, fügte ein Hauch hinzu, und er fürchtete sich. Der See würde ihn in eine andere Welt ziehen, eine Welt, die er kannte und die ihm doch fremd war: seine Heimat. Er war dort geboren und von dort geflohen, weil er nicht länger dort  zu leben vermochte. Er war gesprungen! in eine andere, bessere Heimat, wo er nicht verstoßen und verachtet wurde. Nun aber trieb es ihn zurück!

Der Wind hörte nicht auf zu flüstern.

Weil es seine Heimat war, darum wollte er zurück. Er wollte doch springen!, springen in die Tiefe des Zeitsees. Jede Blase dieses Sees eine Welt! Wähle! Springe!, und der See drohte, ihn zu verschlingen.

Und er zweifelte, pendelte zwischen hier und dort, zwischen der häßlichen Heimat, in der er geboren war, und der Heimat, wo das Schicksal der Menschen und seines anders verlaufen war. Schon einmal hatte er hier gestanden und die Wahl gehabt, aber er hatte sich immer wieder für das zweite Zuhause entschieden; und doch überkam ihn nun der Zweifel. Eine Minute, in der er seines Vorhabens sicher war, reichte, um sich zu entscheiden …

Heimat, in der ich geboren bin.

Es bildeten sich riesige Ringe, und die Birken weinten …

 

Mir tut der Kopf weh; durch die arge, schwere Arbeit und den Streß ziehe ich mir nicht selten eine Migräne zu. Ich pflege das in solchen Situationen zu ignorieren, oder ich versuche es zumindest. Ich reibe an meinen Augen, fühle das Sehgewebe und schlucke. Ich versuche, den Druck zu mildern, doch vergebens. Dann öffne ich meine Augen und blicke in eine fremde, andersartige Welt, die aus dem Nichts hervorgekommen scheint. Dann, das Hupen; mein Gesicht entspannt sich und ich merke, daß ich am Lenker sitze; mein Fuß drückt haßerfüllt auf das Gaspedal. Es ist Nacht, das Licht der Scheinwerfer meines Autos erspart meinen ermüdeten Augen Erhebliches. Langsam kommt mein Lada voran, blank reflektiert die Karosserie das grelle Licht der Laternen.

Ich bin unruhig.

Ich glaube, man nennt es Intuition, eine Art Warnung des Unterbewußtseins, was ich jetzt fühle. Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas Ähnliches gespürt zu haben. Diese Ungewißheit verdamme ich. Schon immer verspottete ich solche Sachen als Aberglauben, um selbst keine Furcht vor dem Unbekannten zu haben. Und trotzdem – dieses Gefühl ist nun in mir, und ich bin mir dessen bewußt – ich will wissen, was es zu bedeuten hat. Ich öffne den Mund, damit dieses Gefühl aus meinem Körper entrinnt. Ich atme tief ein, versuche, meine Augen vor Blendung  und Nacht zu schützen und dieser verschwommenen Welt zu entkommen. Aber sie bleibt da, was ich auch tue, sie ist trotzig. Diese Welt … es ist Nacht, ich bin mit meinem Auto in einer, wie mir scheint, endlosen Schlange; erkenne jedoch über meinen Vordermann nichts. Ich lehne mich über die Seitenfenster und erkenne kahle, traurig anmutende Mauern; es ist eine ruhige Nacht draußen und schüchtern blickt das Licht der Zimmer durch die Fenster heraus. Ich räuspere mich, als würde ich meinen Vorgesetzten ansprechen, schlucke eklige Säfte hinunter, so daß mein Magen zu protestieren anfängt.

Wer bist du?

Mein Gott, diese Frage erschreckt mich, macht mich auf meine Unwissenheit aufmerksam. Verdammt, ich weiß, wer ich bin, warum sollte ich darüber nachdenken …

Wieder das Hupen, das Pochen der Adern im Körper, das dröhnt und deine Schläfe kaputtmacht. Meine schweißigen Hände klammern sich an den Lenker, um Halt in dieser Welt zu finden. Eine andere Welt, die dir wohlbekannte. Wähle und springe!  Ja, jetzt fällt es mir wieder ein, das Zitat des deutschen Dichters jener verlorenen Welt, jener verlorenen Zeit, wie mir scheint: »Vielleicht hast du dich zu sehr an das Singen und Schreien, an das Feiern und Protestieren, statt dem Schweigen und Ruhen, Unterdrücken und Sterben von Gefühlen gewöhnt…!« Verdammt, was geschieht mit mir, was läßt mein Unterbewußtsein nicht arbeiten?

Nun bin ich dran, mein Gott, ich weiß es. Ich bin am Zoll an der Grenze, versuche zum letzten Mal, meine Schwindligkeit und meinen Ekel zu überwinden. Der Beamte sieht mich grimmig an, diese Augen des Dieners mit dem Blick eines Herrn. Ich öffne schwankend die Autotür, sehe unruhig in diese stahlblauen, mißtrauischen Augen, entgegne schüchtern diesem steinernen Blick.

»Guten Abend.« Er mustert mich, ich schweige. »Wie lange befanden Sie sich in Westberlin?«

Kein West, kein Ost …

»Zwei bis vier Tage«, erwidere ich stotternd, und er, mein Zittern ignorierend, drängt weiter: »Was befindet sich im Kofferraum Ihres Wagens?«

Ich atme leise, denke an Wer bist du?, und antworte schnell, gedankenlos: »Nichts Besonderes«, achselzuckend, »Süßigkeiten für die Kinder und solches Zeug …«

Mein letztes, unbürokratisches Lächeln läßt ihn kalt.

»Nun«, sagt er, als wäre es geplant, »das wollen wir mal überprüfen.«

Es ist aus.

Demokratie …! Gorbi, Gorbi! … Keine Gewalt, keine Gewalt …! Wir bleiben …!

Wir gehen zum Kofferraum, und Schritt für Schritt wird mir klar, wer ich bin. Die Plakate und die Menge an Propaganda, die sich ihm offenbart, erschüttern ihn; er scheint ein einziges Mal verwirrt, dann nie wieder. Das Nie wieder Sozialismus macht ihn bleich, bricht alle seine Schranken und Maßstäbe. Mein Gott, warum bin ich nicht dort geblieben, in der anderen, besseren Welt, warum mußte ich in diese Welt zurück …

»Haben Sie nie etwas von der Revolution '89 gehört, der Revolution in der DDR?« stammle ich verwirrt.

Die Autos hupen, ich bin verhaftet.



Story-Überblick

Zurück zur Übersicht