TERRAsse


Gundula Sell

Eine Utopie aus dem Geiste von Big Brother

Clarke & Baxter sehen alles

Die Das Licht ferner TageWurmlöcher sind allen SF- und Wissenschaftsfans gewiß ein Begriff: »Orte« jenseits von Zeit und Raum, mit denen sozusagen eine Abkürzung über größte Entfernungen hin zu erreichen sei, räumliche wie zeitliche. Diese spekulativen Dinger, an denen die Wissenschaft erst mal ganz von weitem herumforscht, eignen sich prima für Science Fiction, zum Beispiel für überlichtschnelle Raumschiffe.

Aber natürlich sind sie, wie alles, was nicht niet- und nagelfest ist, hervorragend geeignet zur Verarbeitung in der Unterhaltungsindustrie. In Clarke und Baxters neuem Roman hat sich in etwa 35 Jahren ein Medienzar in den Trümmern von Microsoft angesiedelt und erobert die Welt. Mit Wurmlöchern. Damit kann man überallhin sehen, später auch hören, nichts bleibt geheim. Dafür, wie das eigentlich funktioniert, wird ein schöner Kulissenzauber verfertigt, aber leidergottseidank keine ernstliche Gebrauchsanweisung.

Denn ist das eine Welt, die wir wirklich wollen? Hiram Pattersons Medienimperium OurWorld hat das Monopol auf die WurmCams, beobachtet Staatsmänner beim Vieraugengespräch, Politikerinnen beim Sonnenbaden ohne Bikini, Politiker bei schmutzigen Geschäften, aber allmählich dann praktisch alle bei allem. Das ganze Land (damit sind natürlich noch mächtigere Vereinigte Staaten von Amerika als heute gemeint) spielt Big Brother – und bebt in den Grundfesten.

Nach der privatrechtlichen Big-Brother-Show kommt das FBI dahinter und will seinen Teil vom Kuchen, den sozusagen öffentlich-rechtlichen, dem Big Brother von George Orwell (»1984«) ähnlicheren. Auch dabei bleibt es nicht, die Technik der WurmCams verbreitet sich, wird billig und allgemein. Jeder kann jetzt jeden überall beobachten. Und die Technik erlaubt es dann auch, jede beliebige Vergangenheit zu betrachten.

Aber bei Clarke und Baxter weicht die moralische Entrüstung über den verderbten, allgegenwärtigen Kapitalismus dem Blick auf eine sich wandelnde Welt. Es erscheint geradezu folgerichtig, wenn sich die dem Alten verhafteten Übergierigen beispielhaft gegenseitig umbringen. Dadurch, daß alles offenkundig ist, verändert sich die Lebensweise der meisten Menschen. Neue Lebensstile entstehen, von denen notorische Nacktheit der harmloseste ist. Ebenfalls mit einer von der der WurmCams abgeleiteten Technik verbinden immer mehr Leute der jungen Generation ihre Gehirne miteinander zu einer Gemeinschaftsseele, von der sie Teil sind und die mehr ist als sie alle zusammen. Eine Art Unsterblichkeit. Globale Konflikte, politische und gesellschaftliche Gegensätze kommen zum Erliegen, schließlich macht sich die Menschheit an die Reparatur des inzwischen doch recht zermurksten Planeten.

Auch mit dem größten Menetekel, das das ganze Buch lang immer näher schwebt, wird sie sicherlich fertig werden: Ein Planetoid namens Wurmwald, der in fünfhundert Jahren die Erde zerstört, wenn man nichts dagegen tut. Man wird etwas tun. Schließlich herrscht eine Utopie auf Erden und nicht nur da. Die Menschheit schafft sich Raum auf anderen Himmelskörpern, weil sie sich zum Ziel setzt, alle Gestorbenen mittels DNA-Übertragung per Wurmlöcher unsterblich werden zu lassen. Big Brother ist in eine Utopie gemündet.

Clarke und Baxter machen das sehr wirkungsvoll, eine spannende Story mit allen Elementen eines Thrillers hält die Leser im Bann: Liebe, Geschäft, Mord und Totschlag. Ein unverbesserlicher Kapitalist, schön karikiert, eine unerschrockene, gutaussehende Journalistin, der naive, aber noch zu rettende Kapitalistensohn, ein auf eigene Faust handelnder FBI-Agent, ein weltentrückter Wissenschaftler. Aber in diesem Roman haben sie alle eine Spur mehr Persönlichkeit, als in dem Genre von Natur aus nötig ist (beim Kapitalistensohn muß man dafür allerdings erst einen Schalter umlegen), die Handlung verzweigt sich unerwartet, und interessante, widersprüchliche Nebenfiguren und -handlungsstränge entwickeln sich, ganz nebenbei bis hin zum Explodieren der letzten russischen Raumfahrthoffnungen.

Man kann sich richtig hineinverlieren in dieses Buch, in all die Geschichten, die die Autoren dabei auch noch loswerden wollten. Zum Beispiel die Rückwärtsbewegung durch die Menschheitsgeschichte per DNA-Spur von Mutter zu Mutter bis zur Entstehung der Menschheit. Oder dann noch Milliarden Jahre zurück bis zu den ersten Einzellern … die gar nicht die ersten waren. Faszinierend, wie ein Poem. Und beklemmend, weil es der Rückweg ist, das Verlorengehen von Entwicklung.

Oder die Ausflüge an konkrete Orte der Vergangenheit, wo man zum Beispiel einen interessanten Jesus kennenlernt (nur bei der Kreuzigung waren so viele WurmCams aus verschiedenen Zukünften, daß kein Bild mehr funktionierte – nur gut!). Oder wo die Entstehung der Mona Lisa ergründet wird, die sich als Kopie erweist von einem Original, das seinerseits nicht mal von dem »Meister« stammt: »Gewiß, er war an der Entstehung des Bilds beteiligt. Er hatte das Gemälde mit entworfen und vorläufige Skizzen angefertigt. … Aber mit der Ausführung hatte er nichts zu tun. Das überließ der Meister, der durch viele Verpflichtungen und technologischen Interessen gebunden war, anderen.«

An dieser Stelle frage ich mich leise, ob das auch eine hintergründige Beschreibung der Zusammenarbeit der beiden Autoren sein könnte. Der besonders in diesem Jahr im Zusammenhang mit dem Film »2001 - Odyssee im Weltraum« über-berühmte Arthur C. Clarke, englischer Ritter und fünfzigfacher Auflagen-Millionär, in Sri Lanka lebend, als der »Meister« – und der weit jüngere Stephen Baxter, auch schon Bestsellerautor und Träger mehrerer SF-Preise, in seinem Schatten?

Noch zwei Bemerkungen zu der Übersetzung: Es wird zwar in einer Fußnote erklärt, daß »Wurmwald« eigentlich »Wormwood« ist, was mit »Wermut« zu übersetzen sei (so nämlich heißt der drohende Stern in der Apokalypse), auch die Anspielung auf Tschernobyl fehlt nicht. Aber im Text steht unbegreiflicherweise »Wurmwald«, nicht einmal das korrektere »Wurmholz«. Das Wortspiel zu den WurmCams hat weiter keine Funktion. So weit, so verzeihlich. Aber was mir gar nicht gefällt, ist, daß der Übersetzer sich in der Hast immer wieder in der Grammatik verheddert, das ist Schluderei. Davon sollte man abkommen, wenigstens bei so gutklassigen Büchern, die für mehr taugen als fürs besinnungslose Wegschwarten.

Arthur C. Clarke und Stephen Baxter: Das Licht ferner Tage (The Light of Other Days).
Roman. Aus dem Amerikanischen von Martin Gilbert.
München: Heyne 2001. 432 S.


Rezi-Übersicht

Zurück zur Rezi-Übersicht